Kriminell gut: Autorenfilme auf dem Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg

Im Heidelberger Schlosspark werden die Filme in stimmungsvoll beleuchteten Zelten vorgeführt. Foto: © Jürgen Schmid / Kriminetz

Krimis im eigentlichen Sinne sind es natürlich nicht, die auf dem 61. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg gezeigt werden. Denn dort sind Autorenfilme von jungen Regisseuren aus der ganzen Welt zu sehen. Humorvolle Filme und nachdenkliche Filme, die gemeinsam der Frage nachgehen, die das Thema des Festivals vorgibt: »Leben! Aber wie?«. Aber bei einigen Filmen spielen auch die Verbrechen eine Rolle, die normalerweise in Krimis verarbeitet werden.

Die Polizei nur in der Statistenrolle

Allerdings stehen sie meist nicht im Mittelpunkt des Films und einen Ermittler oder Kommissar wird man hier nicht finden. Wenn überhaupt, tritt die Polizei in der Statistenrolle auf. In den Filmen des Festivals geht es nicht um Polizeiarbeit, Obduktionen und Serienmörder. Gezeigt wird vielmehr, wie sich das Verbrechen heimtückisch in das Leben jedes Einzelnen schleichen kann – als Beobachter, als Opfer oder sogar als Täter. Im Mittelpunkt stehen die Menschen, die von diesen Taten betroffen sind und die damit zurecht kommen müssen. Gezeigt wird, aus welchen Motiven diese Straftaten begangen werden und wie die Menschen mit ihnen umgehen. Und in einigen Fällen lernt der Zuschauer auch, dass in anderen Ländern andere Auffassungen von Recht und Unrecht vorherrschen, als sie uns hier in Deutschland geläufig sind.

Die Motive stehen im Vordergrund

Wie dieser Konflikt mit der Rechtsordnung geschickt zur Unterstützung der eigentlichen Aussage eines Filmes eingebaut werden kann, zeigen sehr anschaulich der kanadische Film »Boucherie Halal« (Halal Butcher Shop) von Regisseur Babek Aliassa, und »W Sypialni« (in a Bedroom) vom polnischen Regisseur Tomasz Wasilewski:

In »Boucherie Halal« geht es um ein nach Montreal ausgewandertes muslimisches Ehepaar, das sich dort gerne in die Gesellschaft integrieren möchte. Als sich dann allerdings der Vater des Ehemannes bei ihnen einnistet und im Hinterhof eine fundamentalistische Moschee errichtet, wird ihnen das Leben zur Hölle gemacht und die Ehe geht auseinander. Das führt sogar so weit, dass zum Schluss die Royal Canadian Mounted Police eingreift und mehrere Personen wegen Unterstützung der Taliban festgenommen werden. Ob dieses extremistische Moment für den Film notwendig gewesen wäre, steht dahin. Es verdeutlicht aber nochmals den Konflikt, in dem sich vor allem der Sohn des Imams befindet: Den Eltern gehorchen bis hin zum Verstoß gegen die Gesetze seines Wahllandes oder selbst entscheiden, wie das eigene Leben aussehen soll?

In »W Sypialni« mischt eine gut gekleidete Dame den Männern, denen sie über das Internet erotische Dienstleistungen anbietet, K.O.-Tropfen in ihre Getränke, um ihren Teil der Vereinbarung nicht erbringen zu müssen, um sich ungestört in deren teils luxuriösen Wohnungen bewegen zu können und um sich mit Geld und Lebensmitteln einzudecken. Danach wohnt sie wieder in ihrem Auto. Natürlich steht im Mittelpunkt dieses Films nicht der »Beischlafdiebstahl«, sondern vielmehr die Frage, was die Frau dazu brachte, ihre Familie und ihr Haus zu verlassen und sich auf diesen zweifelhaften Lebensunterhalt einzulassen. Wie wird sich wohl ihre Suche nach ihrer (neuen) Rolle im Leben gestalten?

Sehenswerte Filme

Das Programm des 61. Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg bietet eine umfangreiche Auswahl von interessanten und spannenden Filmen, die auch Krimifreunden gefallen werden. Besonders aufgefallen sind uns die folgenden Filme, über die wir noch gesondert berichten werden:

  • Soote Payan (Final Whistle) von der iranischen Regisseurin Niki Karimi
  • Le Secret de l'Enfant Fourmi (The Secret of The Ant Children) von der französischen Regisseurin Christine François
  • De Martes a Martes (From Tuesday to Tuesday) von dem argentinischen Regisseur Gustavo Fernández Triviño

Film und Realität treffen aufeinander

Doch auch wer auf die Polizei, oder allgemeiner, die Staatsmacht in den Geschichten nicht verzichten möchte, kann auf dem Filmfestival Erfahrungen sammeln. Allerdings nicht in den Filmen, sondern in der Realität, wobei er leider erkennen wird, dass die Ordnungshüter nicht immer und vor allem nicht überall nur »die Guten« sind: So wurde gerade bekannt, dass der chinesischen Regisseurin Liming Chen, die auf dem Filmfestival ihren Film »Hajab’s Gift« präsentieren wollte, von den chinesischen Behörden ohne Begründung kein Visum zur Ausreise erteilt wurde und dass die indische Regisseurin Ajita Suchitra Veera von der deutschen Bundespolizei stundenlang festgehalten wurde, weil ihr Einreisevisum für Deutschland erst ab Mitternacht gültig war. Ajita Suchitra Veera präsentiert auf dem Filmfestival ihren Film »Rustom ki Dastaan« (Ballad of Rustom).

Nachdenklich machte auch die Bemerkung von Festival-Direktor Michael Kötz, der bei der Einführung zu Soote Payan (Final Whistle) meine, nicht alles in dem Film entspräche wirklich der Realität. Aber die Regisseurin Niki Karimi zöge es vor, außerhalb des Gefängnisses zu leben ...

Das 61. Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg geht noch bis zum 18. November 2012. Weitere Informationen und die Termine aller Filme unter: Filmfestival Mannheim-Heidelberg.

Jamila (Christine Aubin Khalifah) in »Boucherie Halal«. Foto: Filmfestival
Edyta (Katarzyna Herman) auf Männerfang. Foto: Filmfestival