Sieben Fragen an Horst Eckert

Der Schriftsteller Horst Eckert veröffentlichte den Politthriller »Wolfsspinne«. Foto: © Kathie Wewer

Der Schriftsteller Horst Eckert, 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren, lebt seit beinahe drei Jahrzehnten in Düsseldorf. Er studierte Politische Wissenschaft mit dem Abschluss als Diplompolitologe und arbeitete fünfzehn Jahre als Fernsehjournalist. 1995 erschien sein Debüt Annas Erbe. Seine Romane wurden in mehrere Sprachen übersetzt und er erhielt mehrere Auszeichnungen (u.a. Friedrich-Glauser-Preis für »Die Zwillingsfalle«, Krimi-Blitz für »Schwarzer Schwan«).

Seine Thriller Schwarzlicht und Schattenboxer um den Düsseldorfer Ermittler Vincent Che Veih sind bei Wunderlich erschienen, ebenso wie ganz druckfrisch Wolfsspinne, ein »Politthriller vor dem Hintergrund von Flüchtlingszuwanderung und Pegida, der die offizielle Version zum Thema NSU infrage stellt«.

Für Kriminetz hat Horst Eckert sieben Fragen beantwortet.

Kriminetz: Was war der Auslöser für dich, dich mit dem Thema NSU zu beschäftigen?

Horst Eckert: Ich glaube, wir waren alle sehr schockiert, als im November 2011 bekannt wurde, dass eine Gruppe von Neonazis jahrelang unter dem Namen „Nationalsozialistischer Untergrund“ mordete und bombte und nebenbei Sparkassen überfiel, um sich zu finanzieren. Sofort war mir klar, dass ich darüber schreiben wollte. Zunächst fiel mir kein erzählerischer Zugang zu dem Thema ein, vor allem erschien es mir zu eklig, aus der Perspektive solcher Leute zu erzählen. Aber ich habe seitdem alles an Informationen gesammelt, was mir zum NSU in die Finger fiel. Und dabei wuchs meine Wut, vor allem auch über die Verfassungsschutzbehörden, die – dessen bin ich mir sicher – ihre Finger mit im Spiel hatten. Warum sonst wären massenhaft Akten geschreddert worden, sobald die Polizei sie anforderte? An bloße Pannen glaube ich jedenfalls nicht. Und beim Mord in Kassel war ein Verfassungsschutzbeamter zur Tatzeit am Tatort. Auch hier glaube ich nicht an die offizielle Version vom Zufall. Als schließlich Pegida aufkam und die Welle rechter Gewalt wieder hochschwappte, war es allerhöchste Zeit, das Thema aufzunehmen. Und mit Vincent Che Veih hatte ich inzwischen die Figur, mit deren Hilfe ich den Thriller erzählen konnte.

Kriminetz: In welchen Kreisen hast du für deinen Thriller recherchiert?

Horst Eckert: Ehrlich gesagt lief das meiste vom Schreibtisch aus, über Bücher und das Internet. Da findest du zum Beispiel alle möglichen Protokolle von Untersuchungsausschüssen, stößt auf Widersprüche und offene Fragen. Ich muss ja keine Zeugen und Ermittler über den NSU befragen, denn ich mache keine Polizeiarbeit und schreibe auch kein Sachbuch, sondern einen Thriller, also Fiktion. Aber das, was ich erfinde, halte ich durchaus für möglich. Konkret: Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die bei mir Max und Gerri heißen, sollen sich laut Bundesanwaltschaft in ihrem Wohnmobil in Eisenach selbst getötet haben. Aufgrund der Spurenlage braucht man allerdings das Zusammentreffen mehrerer Zufälle, um zu diesem Ergebnis zu kommen. Warum hat keine der Leichen Ruß in den Atemwegen, obwohl einer von ihnen das Wohnbobil in Brand gesetzt haben soll? Wer hat nach den beiden Schüssen die Tatwaffe noch einmal geladen? Ein Mord erscheint mir viel plausibler. Und da setze ich an: Wer könnte ein Motiv gehabt haben, die beiden Neonazis zu töten? Was hat diese Tat in ihm ausgelöst und was macht der Täter heute? Auch davon handelt „Wolfsspinne“.

Kriminetz: »Auf dem rechten Auge blind« - könnte man das deiner Ansicht nach bei den Ermittlungen zur NSU so sehen?

Horst Eckert: Noch viel schlimmer. Viele Polizisten waren vielleicht blind und wollten nicht sehen, sondern an „Dönermorde“ und an eine ominöse Türkenmafia glauben. Aber die Verfassungsschutzämter sahen sehr wohl, was da vor sich ging. In den Neunzigern haben die deutschen Sicherheitsbehörden ihr Spitzelnetz immer dichter gespannt und durch die Honorare an ihre Informanten die rechtsextreme Szene sogar mitfinanziert. Und wenn dann ein vermeintlich wertvoller Informant in Verbrechen verwickelt wird, verheimlicht man das gegenüber der Polizei. Zuerst, um ihn zu schützen. Wenn er womöglich zum Mörder wird, schützt man ihn, um die eigene Verwicklung in seinen Werdegang zu verheimlichen. Und vielleicht auch, weil der Führungsbeamte dem V-Mann immer noch Sympathien entgegenbringt. Ein Geheimdienst ist fast zwangsläufig böse, denn Macht lädt zum Missbrauch ein, und das erst recht, wenn sie nicht kontrolliert werden kann, weil sie im Geheimen agiert.

Kriminetz: Hast du einen guten Draht zur Düsseldorfer Polizei?

Horst Eckert: Ja, mein Draht ist im Lauf der Jahre immer besser geworden. Und das brauche ich auch. Nicht, um zu meinen Geschichten zu kommen, sondern um sie möglichst plausibel zu erzählen. Wenn ich einen Ermittler zur Hauptfigur habe, muss ich wissen, wie die Polizei in ihrem Alltag arbeitet. Recherche hilft mir, Klischees zu vermeiden und auch im Detail der Ermittlungsarbeit Spannung aufzubauen. Am Feedback meiner Leser spüre ich, dass sich die Mühe lohnt.

Kriminetz: Der Kommissar in deinen Thrillern heißt Vincent Che Veih. Wie kam es zu dem ungewöhnlichen 2. Vornamen?

Horst Eckert: Den hat seine Mutter ihm verpasst. Sie war Che-Guevara-Anhängerin, hat sich radikalisiert und der RAF angeschlossen, als Vincent sieben Jahre alt war. Er kann heute noch nicht verstehen, warum sie ihn damals weggegeben hat. Und sie hadert sehr mit seiner Berufswahl. Ausgerechnet Polizist. Brigitte Veih saß zwanzig Jahre lang im Gefängnis und ihre Abneigung gegen den Staat hat sie nie abgelegt. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Mutter und Sohn macht meiner Meinung nach den besonderen Reiz meiner Hauptfigur aus. In „Wolfsspinne“ kommt hinzu, dass er endlich herauskriegt, wer sein Vater ist. Brigitte hat dessen Identität stets verschwiegen. Als Vincent sie aufdeckt, macht ihn das – so viel darf ich verraten – nicht glücklich.

Kriminetz: Lesungen sind der 2. Job des Autors und der Autorin. Es ist etwas gänzlich anderes, zu recherchieren und zu schreiben und dann vor Publikum seinen fertigen Roman zu präsentieren. Magst du beides gleichermaßen?

Horst Eckert: Das Schreiben hat schon Priorität, aber ich habe keine Scheu, vor Publikum aufzutreten, vorzulesen und über meine Arbeit zu reden. Es ist die unmittelbarste Art, ein Feedback zu spüren. Manchmal gibt es sehr fruchtbare Diskussionen. Und Lesungshonorare tragen zu meinem Einkommen bei. Auch deshalb freue ich mich, dass ich mit „Wolfsspinne“ zu so vielen Lesungen eingeladen worden bin wie noch nie zuvor.

Kriminetz: Auf deiner Website ist zu lesen, dass eine deiner Lesungen verboten wurde. Kannst du heute darüber schmunzeln?

Horst Eckert: Da hat sich ein Provinzfürst in einer Geschichte wiedererkannt und war not amused. Aber das ist verjährt, andere Leute regieren die Stadt und ich schreibe ohnehin, was ich will. Also: ganz breites Schmunzeln.

Kriminetz: Vielen Dank, Horst Eckert, für die Beantwortung der Fragen.

Horst Eckert: Gern, es war mir eine Freude!

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