Sieben Fragen an Ingrid Noll

Das Foto zeigt Ingrid Noll. Foto: © Jürgen Schmid, Kriminetz

Ingrid Noll gilt als die erfolgreichste deutsche Crime-Lady der Gegenwart. Geboren wurde die Schriftstellerin in Shanghai. Viele Jahre lebten ihre Eltern mit den insgesamt vier Kindern in China. Und im Jahr 1949 zog die Familie dann nach Deutschland, 1950 nach Bad Godesberg.
Mit 56 Jahren veröffentlichte Ingrid Noll im Diogenes-Verlag ihren ersten Roman „Der Hahn ist tot“ und startete sofort mit großem Erfolg durch. Seither sind von ihr, ebenfalls bei Diogenes, unter anderem erschienen: „Die Häupter meiner Lieben“, „Die Apothekerin“, „Kalt ist der Abendhauch“, „Rabenbrüder“ und zuletzt „Über Bord“. Insgesamt hat sie elf Romane veröffentlicht. Mehrere ihrer Romane wurden verfilmt.
„Die Häupter meiner Lieben“ wurde mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet, und im Jahr 2005 erhielt sie vom SYNDIKAT, der Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur, den Ehren-Glauser.

Claudia Schmid traf Ingrid Noll bei der Frankfurter Buchmesse und stellte ihr für Kriminetz sieben Fragen.

Kriminetz: Was war damals bei Ihrem Umzug von Shanghai nach Bad Godesberg die gravierendste Veränderung?

Ingrid Noll: Die Schule war der reinste Horror für mich. Vorher wurde ich von den Eltern unterrichtet, deswegen hatte ich von vielen Dingen keine blasse Ahnung. Meine Rettung war der deutsche Aufsatz: Mit einer Eins in Deutsch konnte ich die Fünf in Mathe ausgleichen.

Kriminetz: Sie waren gleich mit Ihrem ersten Roman „Der Hahn ist tot“ sehr erfolgreich. Hat der Erfolg damals Ihr Leben verändert? Konnten Sie beispielsweise in Ihrem Wohnort noch „unbehelligt“ Ihre Einkäufe tätigen?

Ingrid Noll: Das kann ich immer noch. Es gibt schließlich viele Menschen, die wenig lesen. Und ich kann weiterhin durch die Stadt gehen und einkaufen, ohne erkannt zu werden.

Kriminetz: Ist Mitte fünfzig das ideale Lebensalter, um eine Autorenkarriere zu starten?

Ingrid Noll: Für mich war es perfekt. Ich kann aber nicht beurteilen, ob es für alle genauso gut wäre. Damals hatte ich die Phase der Kinderaufzucht beendet und endlich ein eigenes Zimmer in unserem Haus.

Kriminetz: Inwieweit haben sich die Themen, die Sie als Schriftstellerin interessieren, verändert?

Ingrid Noll: Interessieren tut mich viel, aber ich bin in manchen Bereichen nicht kompetent genug. Zum Beispiel könnte ich keinen Wirtschaftskrimi schreiben, weil ich darin eine Niete bin. Ich schreibe hauptsächlich über menschliche Beziehungen, über Familienneurosen und -geheimnisse.

Kriminetz: Sie selbst haben Ihre hochbetagte Mutter gepflegt. Haben Sie für sich auch schon überlegt, bei welchem Ihrer Kinder Sie mal einziehen?

Ingrid Noll: Alle drei haben es mir angeboten. Aber am liebsten möchte ich mit meinem Mann zu Hause wohnen bleiben, möglichst autark. Wenn es nötig wird mit einem Pflegedienst, vielleicht auch Essen auf Rädern.

Kriminetz: In Ihrem Roman „Über Bord“ begeben sich die Protagonisten auf eine Kreuzfahrt. Ist so eine Reise auf einen Kreuzfahrtschiff ein geheimer Traum?

Ingrid Noll: Autoren werden gelegentlich engagiert. Ich hatte schon öfter das Glück, zu Lesungen auf Kreuzfahrtschiffen eingeladen zu werden. Mein Mann hat mich begleitet und hat das immer sehr genossen. Es waren aber meist kleine, feine Schiffe, nicht die großen, lauten, mit Entertainment bis zum Abwinken. Das wäre nicht meine Sache.

Kriminetz: Haben Sie heute Sehnsucht nach dem Land, im dem Sie geboren wurden und aufgewachsen sind?

Ingrid Noll: Nein, überhaupt nicht, denn ich betrachte seit vielen Jahren Deutschland als meine Heimat. Ich war zwei Mal als Touristin in China und würde in dieser Eigenschaft jederzeit wieder hinreisen, aber dort leben will ich nicht.

Vielen Dank, Ingrid Noll, für die Beantwortung der Fragen.

Ingrid Noll beantwortete die "sieben Fragen", die Claudia Schmid ihr für Kriminetz stellte, bei der Frankfurter Buchmesse. Foto: © Jürgen Schmid, Kriminetz