Sieben Fragen an Jennifer B. Wind

Das Foto zeigt Jennifer Wind. Fotograf: Manfred Wasshuber

Die österreichische Krimiautorin Jennifer B. Wind wohnt mit ihrer Familie in der Nähe von Wien. Sie schreibt Romane für Jugendliche und Erwachsene (Thriller, Krimis, Fantasy, Mystery), Drehbücher, Theaterstücke, Rezensionen und Kurztexte und hat zahlreiche Kurzgeschichten, Rezensionen und Gedichten in Literaturzeitschriften, Zeitungen, Anthologien und Magazinen veröffentlicht. 2011 erschienen mehrere Ratekrimis in der "Presse am Sonntag". Im April 2014 erscheint bei Dotbooks ihr Thriller Als Gott schlief.
Die Autorin erhielt jeweils den 1. Platz beim "Totenschmaus" Kurzkrimi-Preis 2013 sowie beim "Zeilen.lauf" Literaturwettbewerb 2011 , im Rahmen des art.experience Kulturfestivals. Beim Broilerbar Kurzkrimiwettbewerb 2010 kam sie auf Platz 2. Sie war für den Liese Prokop Preis 2012 in der Sparte Kunst und Kultur und für den Wiener Krimipreis 2010 in der Sparte Nachwuchs (Rookie Award), der im Rahmen der Wiener Kriminacht vom EchoMediaVerlag ausgelobt wurde, nominiert.
Jennifer B. Wind ist Chefredakteurin der Website der Mörderischen Schwestern.

Für Kriminetz beantwortete Jennifer B. Wind sieben Fragen.

Kriminetz: Dieser Tage erscheint bei Dotbooks dein Thriller „Als Gott schlief“. Worum geht es darin?

Jennifer B. Wind: Anfangs wird ein alter Weihbischof ermordet aufgefunden. Die Ermittler tappen auch nach dem zweiten Mord an einem Münchner Pfarrer im Dunkeln bis eine Spur finden, die in die Vergangenheit reicht. Der Thriller zeigt auf wie weit Machtmissbrauch gehen kann und wie leicht es ist in der sicheren Struktur wie der eines Klosters, in der Disziplin und Ordnung Usus ist, sich Schwächeren gegenüber nicht nur zu behaupten, sondern sie gefügig zu machen.

Kriminetz: Katholischen Priester wurde früher viel Respekt entgegen gebracht. Hat sich das in ländlichen Gegenden gehalten?

Jennifer B. Wind: Das ist eine interessante Frage vor allem da ich mit meiner Familie erst 2009 aufs Land gezogen bin. Ich habe lange Zeit in Wien gewohnt, habe auch dort meine Erstkommunion absolviert, war jahrelang Ministrantin. Damals war es auch noch so, dass in der Stadt ein gewisser Respekt gegenüber den Würdenträgern da war. Obwohl wir Jungscharleute und Ministrant/innen zum Beispiel sehr wohl gewusst haben, dass unser Pfarrer zum Beispiel eine fixe Freundin hatte. Ich denke, viele in der Gemeinde haben das gewusst, aber damals wurden ja auch erste Stimmen laut, dass das Zölibat veraltet wäre und erste Priesterkinder haben sich geoutet.
In meinem jetzigen Dorf kann man schon feststellen, dass es noch ein bisschen so ist, wie früher. Die Sonntagsmessen, vor allem die rhythmischen Kindermessen sind gut besucht, man muss schon sehr früh kommen, um noch einen Sitzplatz zu erhalten. Traditionelle Werte sind aber generell am Land noch erhalten. Feuerwehrfeste, Kirtag, Osterratschen, Sternsingen sind Dinge, die es hier noch gibt. Ebenso unterrichtet der hiesige Priester auch in der Volksschule Religion. Das gibt es in den Städten so gut wie gar nicht mehr. Und schmunzelnder Weise muss ich hinzufügen, dass auch ich ehrenamtlich etwas mitarbeite.
Es ist also keineswegs so, dass ich dem Glauben abgeschworen habe, oder gar aus der Kirche ausgetreten bin, im Gegenteil. Natürlich hatte ich auch Phasen, ähnlich wie meine Protagonistin Jutta Stern, in denen ich stark gezweifelt habe und wütend auf Gott, oder die Welt war. Ich denke außerdem, dass es in der katholische Kirche dringend ein Umdenken geben muss und sie eine starke Reform benötigt. Nirgendwo in der Bibel steht, dass Priester nicht heiraten dürfen. Das wurde erst viel später eingeführt, zu Zeiten in der es wirklich besser war, wenn ein Mann Gottes keine Familie hatte. Missionare mussten damals beschwerliche Reisen auf sich nehmen und bei der Verbreitung der frohen Botschaft waren sie oft viele Jahre bis Jahrzehnte unterwegs. Jede Ehefrau wäre arm gewesen, von den Kindern ganz zu schweigen. Insofern war diese Regel der Ehe- und Kinderlosigkeit sehr sinnvoll. Aber heutzutage eben komplett unnötig. Obwohl wenn die Ressourcen zur Neige gehen und wir keine Flugzeuge mehr benutzen können, weil es keinen Treibstoff gibt, könnte es uns wieder so gehen wir damals. Aber das ist jetzt ein anderes Thema.

Kriminetz: Gruselt es dir selbst, wenn du brutale Szenen schreibst?

Jennifer B. Wind: (lacht) Eher wenn ich Liebesromane lese!(lacht) Im Ernst. Immer wenn ich einen (heiteren) Liebesroman lese, werde ich in der Nacht darauf von furchtbaren Albträumen, wache stets schreiend und verschwitzt auf. Manchmal schlage ich sogar um mich. Mein Mann meinte letztens sogar, ich hätte ihm im Schlaf die Nase gebrochen. Wenn ich einen Thriller, Horror- oder Mysteryroman lese oder einen derartigen Film sehe, dann passiert das nicht. Ich hab meine eigene Theorie dazu entwickelt. Vermutlich braucht mein Gehirn tagsüber einen gewissen Grusellevel, sonst holt es sich den Grusel im Schlaf. Ähnlich vieler Extremsportler, die ohne diesen Kick nicht leben können.
Vielleicht bin aber auch zu abgehärtet. Ich habe mit 14 die ersten Horrorschinken gelesen, beispielsweise von Clive Barker und Stephen King, das hat mir einfach sehr viel Spaß gemacht.

Aber natürlich hatte ich bei gewissen Szenen beim Schreiben und später beim Überarbeiten eine Gänsehaut und Tränen in den Augen. Aber sehr nahe gingen mir die Gespräche, die ich während meiner Recherche geführt habe. Das war viel Schlimmer als das eigentliche Schreiben, wenn ich auch ab der dritten Überarbeitungen gewisse Textstellen nicht mehr sehen konnte.

Übrigens gibt es nur einen einzigen Horrorfilm, nachdem ich Albträume hatte und zwar auch beim zweiten und dritten Mal. und das ist „Der Exorzist“. Das liegt sicher nicht am besessenen Kind, oder gar dem Teufel, sondern vermutlich am Priester. (lacht) Wer weiß. Deshalb hab ich mir das Remake gar nicht erst angetan.

Kriminetz: Aus gut informierten Kreisen habe ich gehört, du hast für die Polizeiarbeit eine 1a-Informationsquelle?

Jennifer B. Wind: Ja, dieser Informationsquelle ist auch das ganze Buch gewidmet. Das ist natürlich total praktisch gewesen aber auch sehr anstrengend. Mein Mann hat keine Szene durchgehen lassen, die es so in einer Ermittlertätigkeit nicht geben würde. Da gab es wirklich sehr hitzige Diskussionen.
Mein Mann war mir aber in jeder Hinsicht eine Stütze, und ohne ihn würde es das Buch immer noch nicht im Handel geben, weil ich es nie beendet und schon gar nicht verschickt hätte.

Kriminetz: Welchen Raum nimmt Musik in deinem Leben ein?

Jennifer B. Wind: Einen sehr großen. Musik war schon viel früher in meinem Leben präsent als Bücher. Ich habe ein sehr gutes eidetisches Gedächtnis und das hat man als Kind schon bemerkt. Im Alter von vier Jahren konnte ich unter anderem sämtliche Peter Alexander oder Udo Jürgens Songs auswendig. Und ich war schon sehr geschäftstüchtig und habe früh erkannt, dass man mit Talent Geld verdienen kann. Bei uns im Dorf in der Steiermark habe ich diese Songs im Kaffeehaus zum besten gegeben und mir damit jede Menge Schilling verdient, die die Kunden mir daraufhin immer geschenkt haben.
Später war ich in der Kindersingschule und im Konservatorium und habe neben dem Singen auch Blockflöte und Klavier gelernt. Klavier spiele ich jetzt wieder, ich hab mir endlich wieder eines gekauft und meine Kinder hab ich natürlich immer in den Schlaf gesungen, wenn auch nicht mit Schalfliedern sondern Songs aus Musical, Gospel, Blues und Jazz.
Letzteres liebe ich sehr. Das reicht von Swing bis zu Impro.
Ich gehe auch sehr gern in die Oper, meine Lieblingsoper ist „Faust“ von Gounod. Die hab ich über 45 Mal gesehen und habe über 23 verschiedene Versionen auf Tonträgern.
Ich sammel außerdem Filmsoundtracks.

Kriminetz: Du führst den Blog ‚Lies und (p)lausch‘ auf mywoman.at. in dem du Kollegen und Kolleginnen vorstellst. Was reizt dich daran?

Jennifer B. Wind: Lesen ist meine große Leidenschaft, war es immer und ich hoffe, dass ich bis ins hohe Alter lesen kann. Dann bin ich über das Rezensieren in die Szene hineingewachsen und meine Rezensionen in dem Blog „Bücherecke“ waren auch ausschlaggebend dafür, dass mir eines Tages von der Online Redakteurin der Frauenzeitschrift WOMAN dieses Specialblog angeboten wurde. Es macht mir übrigens einen Heidenspaß aber ich wusste nicht, wie viel Zeit dafür aufgebracht werden muss. Das Konzept mit den einwöchigen Specials, inklusive langem Interview und privatem Autorentag ist ja von mir selbst. Aber ich habe den Aufwand unterschätzt. Aber wenn ich etwas tue, dann nie halbherzig sondern immer mit vollem Einsatz, und ich glaube, das merkt man auch. Bei Verlagen und Autor/innen ist es mittlerweile ein Selbstläufer, ich bekomme sehr viele Anfragen, bin bis Ende des Jahres ausgebucht und habe mittlerweile eine lange Warteliste.
Leider komme ich dadurch auch seltener zum Schreiben, deshalb werde ich das Konzept ab September etwas abändern. Auf jeden Fall macht es mir sehr viel Spaß, und ich hoffe, dass die Leser/innen genau so viel Spaß beim Lesen und Mitmachen haben.

Kriminetz: Du warst viele Jahre lang Flugbegleiterin und hast viel von der Welt gesehen. Gibt es eine Anekdote aus dieser Zeit?

Jennifer B. Wind: Eine? Es gäbe Hunderte Anekdoten aus dieser Zeit. In beinahe 15 Jahren Fliegerei erlebt man eine Menge, und nicht alles eignet sich zur Veröffentlichung. (lacht)
Und natürlich spielen sich Flugbegleiter/innen auch untereinander immer Streiche. Besonders die Neuen werden ungewöhnlich „eingeweiht.“ Einer der On Board Manager war da immer besonders kreativ. Einmal hat er eine neue Mitarbeiterin am ersten Flug erzählt, sie müsse einmal während des Fluges, nach circa 2 Stunden unbedingt ins Cockpit gehen und dort einen Schalter betätigen, damit sich der Toilettentank entleert. Und es müsse unbedingt nach 2 Stunden sein, damit der Tank über dem Meer abgelassen werden kann und nicht über bewohntem Gebiet. Das Cockpit war natürlich eingeweiht. Und sie lief wirklich nach zwei Stunden den Toilettentank „entleeren“ *lach*
Sie hat das dann auch am Rückflug wieder gemacht, das war ein Heidenspaß.
Bei meinem ersten Flug schickte man mich am Ende des Fluges ins Cockpit Kopfhörer absammeln. Ich hab mich gleich geweigert und den Scherz durchschaut. Dafür wurde ich dann in Sydney auf meinem ersten Langstreckenflug als „Einweihung“ zum Tattoo-Shop gezerrt und wurde vor die Wahl gestellt, entweder Tattoo oder Piercing. Ich hab mich für letzteres entschieden. ;-)

Zur Website von Jennifer Wind

Jennifer B. Wind und Claudia Schmid. Foto: © Jürgen Schmid, Kriminetz