Cover von: Ediths Tagebuch
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Ediths Tagebuch

Roman
Buch
Taschenbuch, 496 Seiten
Übersetzer: 

Verlag: 

ISBN-10: 

325724570X

ISBN-13: 

9783257245707

Erscheinungsdatum: 

09.12.2020

Preis: 

13,00 EUR
Amazon Bestellnummer (ASIN): 325724570X

Beschreibung von Bücher.de: 

Edith notiert in ihrem Tagebuch, was sie bewegt. Ihr Mann trägt sie auf Händen, ihr Sohn brilliert an einer Eliteuni und als erfolgreiche Journalistin. Doch in der wirklichen Welt kämpft sie auf fast verlorenem Posten.

Kriminetz-Rezensionen

Vom Zerplatzen eines Traumes

Edith weiß der Lethargie ihres Sohnes Cliffie wenig bis Nichts entgegenzusetzen. Es ist beinahe ein Glück, dass er sogar zu faul ist, um seine Bosheiten durchzuführen, außerdem »er hatte von klein auf zwei linke Hände gehabt« (S. 75). Edith flüchtet aus dem sie umgebenden Desaster in ihr Tagebuch. Hier ist ihre Welt so, wie sie sie haben möchte. Das Projekt »Kind« ist gescheitert. Irgendwie hat man beim Lesen den Eindruck, Edith habe einfach gehofft, Cliffie würde die in ihn gesetzten haushohen Erwartungen erfüllen, hat aber selbst wenig dazu beigetragen, es ihm zu ermöglichen, selbstbewusst durch die Türen, die zweifellos offen standen, aus eigenem Antrieb zu gehen.

In der Realität hat sie auch noch George am Bein, einen geizigen Onkel ihres Mannes Brett. Natürlich bleibt die Pflege von George an ihr kleben. Brett lässt seinen Onkel, der seit Jahren unbeweglich im Bett liegt und meist vor sich hin döst, generös bei seiner Frau zurück, als er mit einer deutlichen jüngeren Frau ein neues Leben in New York beginnt. Die Rückenschmerzen, die Onkel George vorgibt zu haben, kann man ihm nicht so recht glauben. Die einzige Leidenschaft, der er frönt, ist sein Geiz. Edith erträgt und versorgt ihn unentgeltlich. Nichts im Leben von Edith ist so, wie sie es sich wünscht.

Patricia Highsmith legt schonungslos das Innenleben ihrer Protagonistin frei, das konträr zu deren erträumter Wirklichkeit steht. Edith lebt vollständig im »Schein« anstelle im »Sein«. Sie ist abgedriftet aus einer Realität, die unbequem war und die sie nicht zu ändern vermochte. Beim Lesen sollte man die Entstehungszeit des Romanes nicht vergessen. Die Erstausgabe erschien 1977, ich habe sie damals als junge Frau wenige Jahre später gelesen. Es hat mich auch interessiert, wie ich selbst nach den Jahrzehnten an die Lektüre gehe. Man hofft, die Lebenswelt junger Frauen habe sich grundlegend geändert: »Edith konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mann mit Mitte Dreißig nicht heiratete, wenn er es sich leisten konnte, wo es doch so bequem war, eine Frau zu haben, die einem alles mögliche abnahm.« (S. 51)

»Die Zeit ist aus den Fugen geraten«, sagte George. »Unser Jahrhundert ist kein Jahrhundert für Helden.« (S. 47) Ja, möchte man zu Edith sagen, alles ist im Fluss, alles lebt in Veränderung. Tritt aus deinem Kokon und gestalte sie aktiv mit! Edith hat jedoch nicht die Kraft, zu sich selbst zu stehen. Sie bemüht sich, nach außen hin dem amerikanischen Traum (der 70er Jahre) zu entsprechen: Ein großes Haus aus vermutlich etwas besserem Pappmaché, einen Ehemann, einen sauberen Vorgarten und einen wohlgeratenen Sohn, der die Anforderungen seiner Eltern mit spielender Leichtigkeit übertrifft. Alkohol fließt bereits zum Mittagessen, auch zwischen den Mahlzeiten wird die Kühlschranktür immer wieder geöffnet. Das Klappern dieser Tür begleitet den gesamten Roman. »Freude und richtiges Leben gab es nur in ihrem Tagebuch.« (S. 438)

Edith gelingt es nicht, sie selbst zu sein, sich selbst zu entsprechen. Sie stellt ihrem fordernden Umfeld nichts entgegen. Sie bleibt nach dem Zerplatzen ihres Traumes, der einhergeht mit dem Platzen des amerikanischen Traumes, allein und krank zurück. Ein Land, dessen Präsident ermordet wurde. »Und was ist mit den wahrhaft verzweifelten Familien in Vietnam?« (S. 446).

»Ediths Tagebuch« brachte ihrer Autorin Patricia Highsmith eine Nominierung für den Nobelpreis. Mein Resümee: Auch nach all den Jahren, als ich »Ediths Tagebuch« zum ersten Mal las, zogen mich Sprach- und Erzählstil dieses Buches erneut in seinen Bann, versank ich für viele Lese-Stunden in seiner psychologischen Subtilität. Ein großartiges Werk.

Der Roman enthält ein ausführliches Nachwort von Paul Ingendaay sowie eine editorische Notiz von Anna von Planta. Die beiden sind die Herausgeber der Werkausgabe von Patricia Highsmith. Im Januar 2021 jährte sich der Geburtstag der Schriftstellerin zum 100. Mal. Im Herbst 2021 werden ihre Tage- und Notizbücher erstmals weltweit veröffentlicht. (Quelle: Diogenes Verlag).