East of Sweden

Vera ahnt nicht, dass ihr neuer Bekannter der Mörder des Vaters ihres Kindes ist. Foto: © Hena Blomberg Kaiho Republic 2017

Der Film East of Sweden spielt hauptsächlich im finnländischen Oulu, an der Grenze zu Schweden. Dies jedoch ist das Land, in welches er eigentlich will, Francis aus Angola. Dunkel ist es beinahe die gesamte Zeit über, auch tagsüber, als die Uhrzeit mit 15 Uhr angegeben wird. Und so sehnt sich Jere, den er im Zug kennenlernt, und dem gegenüber er sich als Dominick vorstellt, oft nach Afrika. Dort war Jere schon oft, es ist für ihn ein Sehnsuchtsort. Ist er aber in Afrika, dann sehnt er sich nach Norden.

„Meine Probleme sind deine Probleme. Verstehst du, alles hängt irgendwie zusammen“, sagt einer zum anderen. Rasch haben sie ein gemeinsames Problem. Denn der psychisch gestörte Aleksi, der sich nach seinem Kind sehnt und deshalb aus der Klinik abgehauen ist, kommt zu ihnen ins Abteil und entdeckt Steroide in einem Koffer. Verwirrt rennt er mit den Drogen durch den Zug und stopft sie eine Toilette.

Zurück im Abteil stirbt er, als ihn Jere, der Besitzer der Drogen, zu überwältigen versucht. Der Mann aus Angola fühlt sich nun seiner Aufgabe verpflichtet, der Mutter des Kindes von Aleksi einen selbstgebastelten Traumfänger zu überbringen. Diese Vera ist Schauspielerin. Aber sein neuer „Kumpel“ Jere, dem er noch eben hilft, die Leiche zu verstecken, will seinen Mitwisser unbedingt nach Schweden bringen. Und so wird aus der Geschichte des Sich-Sehnens und Davonlaufens plötzlich eine des Sich-Versteckens.

Interessant fand ich, verschiedene Szenen aus unterschiedlichen Perspektiven heraus hintereinander erneut präsentiert zu bekommen. So wurde das Ineinanderverwobensein, das „alles hängt irgendwie miteinander zusammen“ noch deutlicher herauskristallisiert. Pikanterweise bahnt sich ganz zart eine Beziehung zwischen Jere, dem Mörder an dem Ex (Aleksi) der Frau, genau mit ihr an. Bei der hat ausgerechnet die Mutter des Getöteten den Mann aus Angola untergebracht. Sie ist nämlich Pfarrerin und hilft Menschen ohne Papiere. Sie ist Eigentümerin der Wohnung und gestattet der Ex ihres Sohnes, Vera, mit ihrem Kind dort zu wohnen. Auch Jere hat einen Sohn. Dessen Mutter ist zur Reha und er kämpft um das Sorgerecht. Klingt kompliziert? Ist es aber nicht. Alles scheint logisch in diesem außerordentlich erzählten vielschichtigen psychologischen Drama. Die Ereignisse greifen wie die Maschen bei einem Strickwerk ineinander, verweben sich zu einem Ganzen. Und am Ende gibt es nur einen einzigen Ausweg, der Hoffnung zulässt, dass sich doch noch irgendwie alles wendet und auflöst.

Simo Halinens schrieb das Drehbuch und führte Regie bei diesem beeindruckenden Thriller, der auch als Sozialdrama gelten kann. Der 1963 in Finnland geborene Simo Halinen ist als Filmregisseur und als Drehbuchautor, Schauspieler und Schriftsteller tätig. Mit seinem ersten Langspielfilm „Open Up to Me“ (2013) gewann er 2014 den finnischen Jussi Preis für das Beste Drehbuch. „East of Sweden“ (2018) ist Halinens dritter Spielfilm.

Darstellerinnen und Darsteller: Samuli Vauramo, Laura Birn, David Nzinga, Andreas af Enehielm, Sara Paavolainen, Wäinö Pylkkönen, Mazdak Nassir.

Kamera: Hena Blomberg, Musik: Markus Koskinen.

Aus dem Programmheft des 67. Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg, wo der Film gezeigt wurde: „Ein überzeugender und facettenreicher Film Noir der neuen Generation des skandinavischen Kinos.“ Das Festival findet noch bis zum 25. November 2018 statt. Hier klicken zum Programm.

Jere verscht, seinen Mitwisser Francis alias Dominick zur Flucht nach Schweden zu überreden. Foto: © Hena Blomberg Kaiho Republic 2017