Es gibt Jahre, die rauschen vorbei, und es gibt Jahre, die bleiben hängen. Für Andrea Walter war 2025 so eines. Nicht, weil alles glattgelaufen wäre, im Gegenteil, sondern weil sich plötzlich Dinge fügten, die sie selbst nicht ganz versteht. Zwei Awards, volle Säle, eine wachsende Community - ihre Crimies, wie sie sie nennt, Anfragen aus Redaktionen. Und dazwischen immer wieder der Moment, in dem sie abends auf ihrer Couch sitzt, Jogginghose, Packerlsuppe, Laptop auf den Knien, und sich fragt, ob das wirklich alles zusammengehört.
Man trifft Andrea Walter an einem Freitagnachmittag in einem Café in Krems. Sie kommt direkt von einer Lesetour zurück, etwas übermüdet, ganz in Schwarz und gut gelaunt. Sie bestellt einen Matcha mit Hafermilch und erzählt, ohne dass man groß fragen müsste. Das Jahr habe sie überrollt, sagt sie, aber auf eine gute Art. Wie eine Welle, die einen nicht umwirft, sondern weiterschiebt. Wohin genau, wisse sie noch nicht.
Was auffällt, wenn man mit ihr spricht: Sie nimmt das Schreiben sehr ernst, sich selbst aber erstaunlich wenig. Wenn sie von ihren Figuren erzählt, von den kaputten Ehen, den verschwiegenen Familien, den kleinen Gemeinheiten des Alltags, dann leuchten ihre Augen. Wenn es um Auszeichnungen geht, winkt sie ab. Schön sei das gewesen, natürlich. Aber am nächsten Tag sitze man halt wieder da und müsse weiterschreiben. Die Trophäe verstaubt, die Deadline bleibt.
Andrea Walter gehört nicht zu jenen Autorinnen, die sich morgens an den Schreibtisch setzen und bis zum Abend durcharbeiten. Bei ihr passiert das Meiste unterwegs: zwischen Terminen, auf Autobahnraststätten, in Hotelzimmern, spät abends, wenn der Tag eigentlich schon vorbei ist. Sie schreibt, wo Platz ist. Und sie beginnt immer mit den Figuren. Nicht mit dem Plot, nicht mit dem Mord, sondern mit den Menschen, die ihn begehen oder erleiden werden. Die Recherche, sagt sie, passiere nebenbei, durch Zuhören, Beobachten und Erleben. Sogar einen Tag im Gefängnis habe sie verbracht, fügt sie grinsend hinzu. Menschen und ihre Geschichten sind ihre größte Inspiration.
Das erklärt vielleicht, warum ihr nach Lesungen regelmäßig Dinge passieren, die anderen Autoren erspart bleiben. Auffallend häufig, erzählt sie, kämen Menschen aus dem Publikum auf sie zu, zögen sie diskret zur Seite und gäben ihr mit großer Ernsthaftigkeit Tipps, wie man jemanden literarisch elegant aus dem Leben schreibt. Nicht theoretisch, wohlgemerkt, sondern durchaus mit konkreten Vorschlägen.
Für den dritten Band ihrer Reihe rund um das ungleiche Ermittlerduo Horvath und Mimi, der den Titel „Mariandlmord“ trägt, haben ihr nach einem Aufruf auf Social Media weit über hundert Frauen die eigenen Ehemänner als fiktive potenzielle Mordopfer angeboten. Manche mit Foto, manche mit Lebenslauf, einige mit Begründungen, die Walter als, nun ja, „nachvollziehbar“ bezeichnet. Sie lacht, wenn sie das erzählt, aber man merkt, dass sie diese Momente sammelt wie andere Leute Briefmarken.
„Ich traue meinen Figuren alles zu, aber ich verurteile sie nicht“, sagt sie irgendwann, und es klingt wie ein Glaubenssatz. „Wahrscheinlich lachen die Leute bei meinen Krimis genau deshalb, weil sie merken, dass sie selbst nicht viel besser wären.“
Darin steckt etwas, das ihre Bücher von vielen anderen unterscheidet. Der Humor bei Andrea Walter ist nie Dekoration, nie bloße Auflockerung zwischen zwei Leichen. Er ist das eigentliche Thema. Die schwarze Komik entsteht nicht trotz der Abgründe, sondern aus ihnen heraus. Ihre Figuren sind keine Monster, keine eiskalten Killer, sondern Nachbarn, Verwandte, Bekannte. Menschen, die man beim Bäcker trifft, und die trotzdem zu erstaunlichen Dingen fähig sind, wenn die Umstände stimmen.
Dass sie mittlerweile auf der Straße erkannt wird, irritiert sie noch immer. Vor einiger Zeit habe sie Pizza bestellt, erzählt sie. Kurz darauf sei ein Rückruf gekommen. Es gehe aufs Haus, habe der Chef der Pizzeria gesagt, eine Geste, die sie gleichzeitig freute und verwirrte. Ein anderes Mal habe sie an der Supermarktkasse ein Autogramm auf den Unterarm einer Leserin gegeben. Ich will wissen, ob das öfter passiert. Bisher nicht, sagt sie, und klingt fast erleichtert.
„Mariandlmord“, der Anfang 2026 erscheint, wird humorvoller als die Vorgänger, aber auch näher an den unbequemen Fragen: Schuld, Loyalität, das Wegschauen, das einem leichter fällt, als man zugeben möchte. Wie weit würde man für den eigenen Erfolg gehen, wie weit, um jemanden zu schützen, den man liebt? Und was passiert mit einem, wenn man diese Grenze überschreitet? Walter erzählt davon ohne Pathos, fast beiläufig, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, solche Fragen in einen Krimi zu packen, der einen trotzdem zum Lachen bringt.
Parallel arbeitet sie an etwas anderem: an einem psychologischen Thriller, leiser erzählt, enger fokussiert, stärker auf die inneren Konflikte einer einzelnen Figur konzentriert. Details verrät sie nicht, nur so viel: Es werde ungemütlich, aber auf eine andere Art als bisher.
Man verabschiedet sich vor dem Café, sie muss weiter, der nächste Termin wartet. Im Gehen dreht sie sich noch einmal um und sagt, fast wie nebenbei, sie finde es immer wieder erstaunlich, was Menschen einander antun, ohne es böse zu meinen. Das sei vielleicht das Unheimlichste überhaupt. Nicht die großen Verbrechen, sondern die kleinen Gleichgültigkeiten, die sich summieren.
Dann ist sie weg, und man bleibt zurück mit dem Gefühl, dass diese Frau noch viel mehr Geschichten zu erzählen hat.
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