Interview mit Joachim Speidel alias J. S. Frank zu seiner sechsteiligen Thrillerserie »RACHE«

Kurzbeschreibung von »Rache«:
Laura Stein ist eine Getriebene. Die junge Kommissarin ging als Jugendliche durch die Hölle und überlebte. Doch die Vergangenheit verfolgt sie bis heute. Unerbittlich gegen sich und gegen andere jagt sie seit Jahren dem Gangsterboss Victor Hansen hinterher, den sie für den Tod von einunddreißig jungen ukrainischen Frauen verantwortlich macht. Um ihn zu stellen, ist ihr jedes Mittel recht. Sie scheut auch nicht davor zurück, einen mehrfachen Mörder als V-Mann zu rekrutieren: Wolf Berger – Hansens ehemaliger Mann fürs Grobe, frisch aus der Haft entlassen …

Ich vermute mal, du hast zu Hause einen Waffenschrank und einen Schießstand im Keller.

Joachim Speidel: Waffenschrank und Schießstand zu Hause? Soooo schätzt du mich also ein :-). Ich nehme mal an, du spielst auf meine exzessiven/inflationären Waffenbeschreibungen in meinen Romanen an. Da muss ich dich leider enttäuschen. Ich besitze weder das eine noch das andere. Allerdings muss ich gestehen, dass mich Waffen schon immer interessiert haben. Als ich allerdings bei der Bundeswehr die Gelegenheit hatte, mich an allen möglichen Waffensystemen auszuprobieren, habe ich festgestellt, dass das regelmäßige Schießen mich auf die Dauer hin zu langweilen begann. Ich habe seither keine Waffe mehr angefasst. Da es in der Welt, die ich in meinen Romanen beschreibe, relativ gewalttätig zugeht, habe ich mir angewöhnt, die Waffen, die benutzt werden, auch entsprechend zu benennen bzw. zu beschreiben. Als ausgebildeter Rechercheur nutze ich hierzu die »Segnungen« des Internets.

Du würdest dich selbst also als friedfertigen, gewaltfreien Menschen bezeichnen?

Joachim Speidel: Meine letzte Prügelei liegt jetzt gut 40 Jahre zurück. (An die Aktion kann ich mich sooo genau nicht mehr erinnern, aber an den Tag danach, ich sag’s dir ;-). ) seither bin ich ein durch und durch ein friedfertiger, gewaltfrei lebender Zeitgenosse, der zwar Auseinandersetzungen nicht scheut, dabei aber auf die Kraft guter Argumente vertraut.

Nach deiner dystopischen Thrillerserie »SMASH99« hast du dich jetzt einer Serie mit einem Ermittlerduo zugewandt. Ist das nicht ein wenig konventionell für dich?

Joachim Speidel: Um ehrlich zu sein – es war die Idee meines Lektors bei Bastei-Lübbe. Ich habe, ohne lange darüber nachzudenken, sofort die Idee verworfen. Meine Begründung damals (sinngemäß): Es gäbe ja bereits gefühlt 1 Trilliarde solcher Ermittler-Krimis. Warum sollte ich also noch einen weiteren dazu beisteuern? Aber er hat – zum Glück – nicht lockergelassen. Und da kam ich auf die Idee mit den beiden Ermittlern: der LKA-Beamtin Laura Stein und dem Mörder Wolf Berger.

Deine beiden Ermittler haben wenig miteinander gemein. Was zeichnet die beiden als Ermittler aus?

Joachim Speidel: Sie sind nicht nur grundverschieden, sie sind an sich inkompatibel – weniger vom Charakter her – beide sind aufbrausend, konfrontativ und (im Gegensatz zu mir ;-)) auch gewaltbereit –, sondern eher aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit: Wolf Berger hat vor 15 Jahren Laura Steins Mutter ermordet. Doch jetzt ist er wieder auf freiem Fuß und der Einzige, der ihr noch helfen kann, einen äußerst gewalttätigen, skrupellosen Unterweltboss zur Strecke zu bringen.

In deiner Serie spielen kriminelle Rockerbanden eine große Rolle. Was verbindet dich mit ihnen?

Joachim Speidel: Na, ja, da muss ich weit ausholen. Ich stamme ja aus einer Generation, bei der »Aufbegehren gegen die gesellschaftliche Norm« ja durchaus einen besonderen Reiz hatte. Motorradfahren war damals – auch – ein Synonym für Freiheit, Ungebundenheit, Nonkonformismus. Man denke nur an Easy Rider und an Steppenwolfs Born to be wild. Dabei sind einem aber auch die Schattenseiten immer bewusst gewesen: zum einen die stetig steigende Zahl der Unfälle, zum anderen die Umtriebe verbrecherischer Motorrad-Gangs. Vielleicht ist es ja gerade dieses Spannungsfeld zwischen – scheinbar – grenzenloser Freiheit, Risikobereitschaft und straff organisierter Rocker-Kriminalität, die eine nicht unbedeutende Faszination auf mich (und sicherlich auch auf andere Schriftsteller oder Drehbuchautoren, siehe Sons of Anarchy) ausübt.

Stichwort Sons of Anarchy. Ich weiß, du bist ein großer Film-Fan, und ich nehme mal an, du hast auch ein paar Lieblingsfilme im Genre »Gangster-Film«.

Joachim Speidel: Die habe ich, aber wo soll ich anfangen? Ich schätze sowohl die alten und auch neuen »Klassiker«, egal ob Scarface, The Killing, Point Blank, The Getaway, The Godfather, Reservoir Dogs, Pulp Fiction, Heat und und und. Ich mag das Genre einfach.

Welche Autoren sind die Vorbilder für deine „hardboiled“, deine hartgesottenen Krimis? Und warum?

Joachim Speidel: Da kann ich mehrere nennen. Einmal Jim Thompson, der »Dostojewski« unter den düsteren Pulp-Krimiautoren; dann Dashiell Hammet, der z. B. in seinem Roman Rote Ernte eine durch und durch korrupte Gesellschaft zeigt; sicher auch Mickey Spillane, dessen Privatdetektiv das Gesetz mehr als einmal in die eigene Hand nimmt; nicht zu vergessen James Ellroy, für den Verbrechen und Verbrecher zur DNA der US-amerikanischen Gesellschaft und Politik gehören; und zu guter Letzt Elmore Leonard, der Gangster und Ermittler mit der gleichen und manchmal durchaus augenzwinkernden Sorgfalt zeichnet und charakterisiert, sodass die geneigte Leserschaft sich nie ganz sicher sein kann, wem sie ihre Sympathien letztendlich schenken soll.