Die kleinen und die großen Lügen – ein filmisches Kammerspiel

Der gebürtige Karlsruher Magnus Vattrodt schrieb das Drehbuch zum vielschichtigen Kammerspiel "Die kleinen und die großen Lügen" und war zudem Creative Producer. Er wurde bereits vielfach mit Preisen ausgezeichnet und unterrichtet an der Internationalen Filmschule Köln. Foto: © Jürgen Schmid, Kriminetz

Anne (Julia Koschitz) fährt Felix (Fabian Hinrichs) nach einem längeren Krankenhausaufenthalt in ihr gemeinsames Heim. Nach einem Unfall, an den er keine Erinnerung hat, lag er im Koma und benötigte mehrere Wochen für die Genesung. Das Zuhause der beiden besteht aus einer herrschaftlichen Villa, die anmutet wie aus einer vergangenen Zeit. Die Kamera zeigt uns im Inneren zunächst ein überdimensioniertes Schwarzweiß-Porträt der reichen Familie, die dieses Haus bewohnt. Es wirkt wie ein Zitat des großformatigen Fotos der Familie Mann im Lübecker Buddenbrook-Haus. Der große Gesellschaftsroman von Thomas Mann „Die Buddenbrooks“ trägt den Untertitel „Verfall einer Familie“. In „Die kleinen und die großen Lügen“ werden die Zuschauenden Zeugen des Auseinanderbrechens eines Beziehungsgefüges, das viele Jahre trug. Anne hat Felix mit der Neugestaltung der überdimensionierten Innenräume der Villa überrascht. Eine weitere Überraschung des Abends sind die Freunde Irina (Nina Kunzendorf), Martin (Matthias Matschke) und Justine (Aenne Schwarz), die ein exklusives Menü zubereiten wollen. Die Stimmung ist toll. Da bricht jedoch das Unglück in Form von Micha (Lili Epply) herein. Sie wohnt „auf der anderen Seite“ der Autobahn, dort, bei den Glücklosen, denen der Aufstieg in die höheren Sphären der Gesellschaft verwehrt ist, die immer nur auf die Schnauze fallen. Tropfnass steht sie während eines Wolkenbruchs vor der Tür und wird hereingebeten. Anne ist das nicht Recht, mit feiner Nase wittert sie das drohende Unheil, das sich nun unaufhaltsam gleich einer Tragödie entfaltet und seinem bitteren Ende entgegenstrebt. Der Arbeitstitel des vielschichtigen Films lautete „Der Überraschungsgast“. Micha sucht nach ihrer Tochter, die just an dem Tag verschwand, als Felix diesen Unfall hatte, an den er sich nicht mehr erinnern kann.

Die hochkarätige Riege der Schauspielenden hätte die Schlange der Fans vor dem roten Teppich beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen womöglich bis iwwer die Brigg nach Mannheim wachsen lassen – Fabian Hinrichs, Julia Koschitz, Nina Kunzendorf, Matthias Matschke, Aenne Schwarz, Lili Epply und Hannah Schiller spielen absolut großartig und lassen diesen überaus sehenswerten Film zum spannenden Thriller mit nicht vorhersehbarem Ausgang werden. Denn Lebenslügen gibt es auf beiden Seiten der zäsierenden Autobahn, sowohl die Reichen als auch die weniger Begünstigten haben ihre Strategien mit Konfliktbewältigung oder vielmehr -vermeidung. Und dann bricht alles mit Gewalt auf. Kein Stein bleibt auf dem anderen.

Zur Vorführung von „Die kleinen und die großen Lügen“ beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen kamen der bereits vielfach mit Preisen ausgezeichnete Drehbuchautor und Creative Producer Magnus Vattrodt, ZDF-Redakteurin Caroline von Senden, Produzentin Silke Pützer, Produzent Wolfgang Cimera und Producer Daniel Kadour. Bei der Begrüßung witzelte Magnus Vattrodt schlagfertig, die 1.200 Gäste im Filmzelt würden enttäuscht sein, weil hier nicht Matthais Matschke stehe, aber er sehe ihm immerhin entfernt ähnlich. Beim Filmgespräch bezeichnete er den Film als „böses Stück“, in dem sich die Handlung wie eine Schraube immer weiterdreht. Die Personen sind sich selbst gegenüber verlogen. Wobei Caroline von Senden hinzufügte, dass die Figur Micha allerdings für ihre Situation nichts kann. Moderator Rüdiger Suchsland verriet, dass die Villa, in der gedreht wurde, am Wannsee steht.

Der Film wurde von der Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH für ZDF und Arte produziert, Produzenten sind Wolfgang Cimera und Silke Pützer. Der Regisseur ist Wolfgang Fischer. Kamera: Jutta Pohlmann, Musik: Lorenz Dangel, Montage: Barbara Gies, Casting: Sandra Köppe, Szenenbild: Sebastian Soukup, Kostüm: Katharina Ost, Ton: Kai Ziarkowski, Tobias Fleig und Stefan Kolleck, Maske Rosa Singhofen, Lena Brendle und Florian Gruber. Redaktion: ZDF, Caroline von Senden; ZDF/Arte, Julius Windhorst.

Der Film ist voraussichtlich im November auf ARTE zu sehen, danach im ZDF. Er ist für den Rheingold Publikumspreis nominiert. „Die kleinen und die großen Lügen“ wird beim Festival des deutschen Films nochmals am 2., 3., 5. Und 6. September gezeigt. Das 22. Festival des deutschen Films in Ludwigshafen am Rhein findet bis zum 6. September 2026 statt. Das Gesamtprogramm ist hier zu finden: Festival des deutschen Films.

ZDF-Redakteurin Caroline von Senden auf dem roten Teppich des Festivals des deutschen Films Ludwigshafen. Foto: © Jürgen Schmid, Kriminetz
Produzentin Silke Pützer auf dem roten Teppich des Festivals des deutschen Films Ludwigshafen. Foto: © Jürgen Schmid, Kriminetz
Producer Daniel Kadour kam zur Vorführung von "Die kleinen und die großen Lügen" auf die Ludwigshafener Parkinsel. Foto: © Jürgen Schmid, Kriminetz
Das Gastgeberpaar des Festivals des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein, Daniela und Michael Kötz, begrüßte die Gäste zum Film "Die kleinen und die großen Lügen" bei ihrer Ankunft auf dem roten Teppich. Foto: © Jürgen Schmid, Kriminetz