Wer beim Format TATORT ungewöhnliche Krimis liebt, die aus der Reihe tanzen, liegt mit der Murot-Reihe des hessischen Rundfunks goldrichtig. Zur Erheiterung des Publikums zitierte Schauspielerin Barbara Philipp die Titelseite eines bekannten Blattes, wo es hieß „Gaga-Tatort“ und der „Plemplem-Tatort“. Das hielt die Fans nicht davon ab, das 1200 Personen fassende Zelt zur Premiere von Murot und der Elefant im Raum beim Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein bestens zu füllen. Der Hessische Rundfunk war, wie üblich, in Busstärke angereist. Mit dabei war auch Regisseur Dietrich Brüggemann, der in Personalunion auch das Drehbuch schrieb.
Der Film steigt ein mit einem eskalierenden Sorgerechtsstreik vor Gericht. Eva Hütter (Nadine Dubois) hetzt mit ihrem kleinen Sohn Benjamin (Lio Vonnemann) aus dem Gerichtssaal und flieht in den Wald, weil ihr das Sorgerecht für ihren Sohn entzogen werden soll. Anders als die Hütte bei „Hänsel und Gretel“, in der die beiden Kinder im Wald ausgesetzt werden, weil sie den Eltern lästig werden, dient hier die Hütte als Zufluchtsort, weil die Mutter ihr Kind unbedingt behalten will.
In der nächsten Szene torkelt Murot (Ulrich Tukur) auf einer Reise durch sein eigenes Unterbewusstsein. Mittels einer Maschine, die sein Therapeut im Rahmen der Psychotherapie einsetzt, erforscht er sein Inneres. Währenddessen stellt Mutter Eva Hütter in der Hütte fest, sie hat vergessen, die geliebten Nougat-Flips für ihren Sohn zu kaufen, die er nun vehement einfordert. Sie lässt ihn alleine zurück und macht sich auf den Weg. Bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei, die der zurückgelassene Sohn parallel mit seinen Spielzeugautos nachspielt, kommt es zu einem folgenschweren Unfall und sie landet mit einem Schädelhirntrauma im Krankenhaus. Es beginnt die hektische, erfolglose Suche nach dem Jungen. Therapeut Dr. Schneider (Robert Gwisdek) wird mitsamt seinem Apparat in die Klinik geholt und Tukur spaziert im Unterbewusstsein von Eva Hütter. Die hat aber Mechanismen, ihn nicht alle ihre Gedanken lesen zu lassen. „Ich frage mich die ganze Zeit über, ob wir den Elefanten im Raum übersehen“, resümiert Murot.
Als endlich die Mutter von Eva Hütter ausfindig gemacht wird, treffen sie auf eine Frau (Anne-Kathrin Gummich), die keinerlei Beziehung zu ihrer Tochter hat und noch nicht einmal von der Existenz ihres Enkels weiß. „Welches Kind?“, fragt sie. Offenbar fand sie selbst keinerlei Unterstützung, als sie nach einer ungewollten Schwangerschaft ihre Tochter zur Welt brachte. Dies kann man auch als Kritik an einer Gesellschaft auffassen, die will, dass Mütter ungewollte Schwangerschaften austragen und sie danach alleine mit einer sie überfordernden Situation lassen. Eva Hütters Mutter ist daran gescheitert, eine tragfähige Mutter-Kind-Beziehung aufzubauen. Eva selbst versucht, den Spagat zwischen Über-die-Runden-kommen und ihrem Sohn gerecht zu werden, zu schaffen. Nadine Dubois setzt dies in ihrer Rolle glaubhaft um.
Am Ende greift wie so oft Murots Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp) ein und versetzt ihm in einer Szene sogar einen Faustschlag, um zu ihm vorzudringen. Als die Hütte endlich gefunden wird, hat sich der Kleine längst alleine auf den Weg in den Wald gemacht.
Auch im Anschluss an die zweite Vorführung gab es ein Filmgespräch. Mit Moderator Josef Schnelle nahmen auf der Bühne Regisseur und Drehbuchautor Dietrich Brüggemann, Schauspielerin Barbara Philipp und ihr Kollege Wolf Danny Homann Platz. Dietrich Brüggemann erzählte von Standing Ovations nach der Premiere. Seiner Meinung nach wünscht sich doch jeder, so wie Murot im Film, eine Reise ins Ich. Der Wald war für ihn ein wichtiger Punkt, da „das kollektive innere Kind der Deutschen im Wald sitzt“. Eine Komödie setzt sich für ihn aus Wahrheit und Schmerz zusammen.
„Murot und der Elefant im Raum“ ist für den Rheingold Publikumspreis 2025 nominiert und ist beim 21. Festival des deutschen Films nochmals zu sehen. Zum Gesamtprogramm: Festival des deutschen Films .




















