Rebecca Tope - eine Entdeckung aus England

Rebecca Tope hat über zweihunderttausend Bücher verkauft. Foto © bei der Autorin

Es ist immer wunderbar, eine neue Autorin zu entdecken – erst recht dann, wenn die frisch gefundene Lieblingsautorin eine Menge Bücher veröffentlicht hat und also Monate voller grandioser Lektüre bevorstehen. Und dann möchte man sie empfehlen, aber nicht alle Leute lesen gern englische Bücher – und man stellt verdutzt fest, dass kein einziges in deutscher Übersetzung vorliegt!

Rebecca Tope, von der hier die Rede ist, hat über zweihunderttausend Bücher verkauft, hat eine riesige begeisterte Fangemeinde, und man sollte doch meinen, dass die hiesigen Verlage Schlange stehen, doch passiert ist bisher nichts. Da wir dieses Rätsel hier aber nicht lösen können, stellen wir sie und ihre Bücher einfach vor.

Rebecca Tope schreibt sehr gern Serien. Darin folgen wir der Hauptperson über verschlungene Pfade, lernen ihre Heimat kennen, erwerben nebenbei eine Menge Wissen über englisches ländliches Brauchtum, über Geschichte, über Aberglauben, über Sitten, die sich aus alten Zeiten erhalten haben. Es lohnt sich unbedingt, jeweils mit dem ersten Band einer Serie anzufangen: Der Selbstversuch hat ergeben, dass man sonst nicht so ganz mitkommt und allerlei schöne Einzelheiten verpasst.

Rebecca Topes erste Serie spielt in Devon. Es geht sehr ländlich und Westcountry-mäßig zu, so wie wir es doch lieben. Das Buch heißt nicht umsonst „Dirty Death“, denn gleich zu Beginn ertrinkt ein Bauer in seiner Jauchegrube, schmutziger geht es ja wohl kaum noch. Die Dorfpolizei hält diesen Tod für einen Unfall. In der Nachbarschaft (ein weit gefasster Begriff, die Höfe liegen nicht einmal auf Sichtweite voneinander) geschieht aber noch ein Mord, und da fragen alle, ob es einen Zusammenhang gibt.
Es stellt sich heraus, dass der ertrunkene Bauer allgemein unbeliebt war. Leute mit Mordmotiv gibt es also jede Menge, was dem Dorfpolizisten Den Cooper, der in diesem Band seinen Einstand gibt, die Arbeit nicht gerade erleichtert. Es geht um dörfliche und ländliche Intrigen, um Erbstreitigkeiten, um Klassengegensätze und natürlich um Sex (die Bauersfrau hat ein Techtelmechtel mit dem Landarbeiter, aber der hat den Bauern nicht in die Jauchegrube geschubst, das wird ziemlich schnell klar). Ganz nebenbei, und das macht die Bücher von Rebecca Tope so wunderbar, gibt es kleine Perlen an Lebensweisheit. Die Bauersfrau findet, da der Gatte nun ertrunken ist, könnten sie und der Landarbeiter doch nun ungestört und ohne Angst vor Entdeckung schnackseln, aber der Landarbeiter will nicht. Er meint, das gehört sich nicht, so lange der Bauer noch nicht unter der Erde ist. Die Bauersfrau findet sich damit ab, denn sie weiß schließlich, dass Männer immer im unpassendsten Moment eine ganz seltsame Vorstellung von Moral entwickeln!

Die derzeit aktuelle Serie spielt in den Cotswolds. Diese romantische englische Landschaft, bietet allerlei Möglichkeiten, schaurige Verbrechen zu begehen. Die Hauptrolle in den Cotswolds-Krimis spielt Thea Osbourne. Ihr Mann ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, und nun muss sie sich in ihrem unwillkommenen neuen Leben zurechtfinden und möchte eine Auszeit aus ihrem Beruf als Bibliothekarin nehmen. Um sich finanziell über Wasser halten zu können, andere Eindrücke zu bekommen und Zeit zum Überlegen zu haben, verdingt sie sich als Haus-Sitterin. Sie hütet also Haus, Garten, Tiere und was auch immer von wohlhabenden Leuten, die einen längeren Urlaub antreten wollen, in diesem Buch: eine Kreuzfahrt.

Kaum ist das Ehepaar, bei dem sie im ersten Buch einspringt, an Bord gegangen, schon findet Thea im Gartenteich einen Toten. Einwandfrei Mord, und sie war offenbar die Letzte, die ihn noch lebend gesehen hat. Er stand nämlich vor ihrer Tür, als Thea erst eine halbe Stunde allein im Haus weilte – und die große Frage ist nun, was wollte er wirklich, außer sie im Dorf willkommen zu heißen? Denn er hätte eigentlich gar keine Zeit für Höflichkeitsbesuche gehabt, es war Melkzeit und er wurde dringend im Stall des familieneigenen Bauernhofs erwartet. Natürlich ist er nicht der Mörder, und ebenso natürlich kann Thea den Fall am Ende klären. Noch dazu lernt sie den charmanten Kommissar Phil Hollis kennen, weshalb wir beim nächsten Buch natürlich fiebern, ob es mit den beiden etwas wird.

Wir wollen aber nicht zu viel erzählen, (schon gar nicht, dass wir im vierten Buch der Serie über 60 Seiten warten müssen, um zu erfahren, ob der Kommissar in Theas Leben noch eine Rolle spielt), sondern die Autorin zu Wort kommen lassen. Ihre Bücher sind so voller Lokalkolorit, voller Ortsgeschichte, voller interessanter Info (selbst die Pubs kann man googeln und dann überlegen, was man essen und trinken würde, wäre man nur dort!) – da muss sie doch unendlich viel Zeit mit Recherchen verbringen?

„Nein“, sagt Rebecca Tope. „Meistens fahre ich einfach durch das Dorf, das ich mir ausgesucht habe, stelle fest, wo Kirche und Pub liegen und suche mir ein leeres Grundstück für das Haus, in dem Thea einhüten soll. Manchmal esse ich im Pub etwas. Manchmal fahre ich auch noch ein oder zweimal hin, um ein paar Details zu überprüfen. Ich rede fast nie mit irgendwem. Meistens ist aber auch niemand zu sehen.“

In einem Buch trifft Thea auf die lokale Hexengruppe (Anhängerinnen des Wicca-Kultes), die in Fehde liegen mit den ebenso lokalen Freimaurern – auch hier keine Recherchen? Nö, meint die Autorin. „Sachen wie Wicca usw. sind Themen, die mich ohnehin interessiert haben, und dann macht es Spaß, sie in die Geschichten einzuflechten. Ich versuche, nicht polemisch oder dogmatisch zu sein. In ‚Deception in the Cotswolds‘ habe ich versagt, da geht es um „Assistiertes Sterben“, was ich unbedingt ablehne.“

Dass ihre Bücher als Reiseführer dienen können, ist ihr klar und es ist kein Zufall. „Alle meine Schauplätze sind beliebte Touristenziele, und die Touristen möchten vielleicht an verregneten Tagen etwas über die Gegend lesen. Das Westcountry und der Lake District sind beide sehr regenreich. Als Teenager habe ich in Devon gewohnt, ‚A dirty death‘ (mein allererstes Buch) ist stark autobiographisch geprägt.“

Dann sagt sie noch: „Ich weiß nie, wie viele Bände eine Serie haben wird. Eigentlich plane ich so gut wie gar nichts.“

Unter ihren vielen Veröffentlichungen finden wir ein Sachbuch, eine Lebensbeschreibung des englischen Volkskundlers Sabine Baring-Gould (1834 – 1924), der, was heute kaum noch jemand weiß, auch Romane geschrieben hat. Als Rebecca Tope von Cheshire in Nordwest-England nach Devon im Südwesten zog, wohnten sie auf einem Bauernhof namens Chimsworthy. Rebeccas Mutter stellte fest, dass dieser Hof in einem Roman aus dem 19. Jahrhundert auftauchte, „The Red Spider“, verfasst eben von Baring-Gould. Die Mutter fing an, die Bücher zu sammeln, trat der 'Sabine Baring-Gould Appreciation Society' bei, und Rebecca folgte diesem Beispiel. Später hat sie dann einen Miniverlag gegründet und einige Bücher von Baring-Gould neu herausgebracht und deshalb auch die Schauplätze aufgesucht und sich davon inspirieren lassen. Da war es doch nur natürlich, dass sie sich an die Biographie setzte, die 2016 dann vollendet wurde.

Bei so viel Geschichte liegt die Frage nahe, ob wir uns auf einen historischen Krimi freuen dürfen, vielleicht mit dem Volksliedsammler Baring-Gould als Privatdetektiv! Aber wir dürfen nicht. Denn Rebecca Tope sagt:

„Ich habe nie wirklich daran gedacht, historische Krimis zu schreiben, vor allem, weil ich dann so viel recherchieren müsste. Ich erfinde lieber alles! Aber seit ganz kurzer Zeit denke ich an eine Geschichte, in der alte Textilien vorkommen, handgestickte Dinge, die eine Frau von heute reparieren muss. Dabei tritt sie in den ‚Geist‘ der eigentlichen Urheberin ein … ach, das ist noch sehr vage, und ich würde zwar sehr gern Geschichten mit Zeitreisen schreiben, aber es ist schwer, da noch einen Mordfall unterzubringen, und ich glaube nicht, dass mein Verlag sich darüber freuen würde.“

Aber wir können uns jetzt schon auf weitere Krimis freuen. „Als nächstes will ich 'The Dacre Dilemma' schreiben, das spielt dann im Lake District. Ich habe absolut Lust, meine Stickerin darin vorkommen zu lassen, und vielleicht kann sie es danach dann leichter zu einer eigenen Serie bringen. Eigentlich werde ich gleich ein bisschen müde, wenn ich daran denke.“

Die Müdigkeit wird Rebecca Tope hoffentlich bald überwinden, und hoffentlich findet sich bald ein deutscher Verlag für diese umwerfend spannenden, witzigen und informativen Krimis. Auf Englisch erscheinen sie bei Allison & Busby, und deutsche Buchläden können sie problemlos bestellen. Viel Wissenswertes über die Autorin und ihre Bücher findet sich auf ihrer Website: rebeccatope.com.