Im Schatten der Angst

Perfektes Augenspiel: Julia Koschitz auf dem roten Teppich beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen am Rhein. Foto: Jürgen Schmid, Kriminetz

In Sepia-Braun ist die Gerichtsszene gehalten. Stararchitekt Carsten Spanger zeigt einen merkwürdigen Umgang mit Frauen. Deshalb steht er vor Gericht. Die forensische Psychiaterin Karla Eckhardt ist Gutachterin in diesem Prozess. Julia Koschitz und Justus von Dohnányi liefern sich in ihren meisterlich gespielten Rollen in Im Schatten der Angst ein Psychoduell, das an „Das Schweigen der Lämmer“ erinnert. Immer wieder zeigt die Kamera ihre Gesichter in Großaufnahme und gibt den beiden Darstellern die Möglichkeit, ihre Kunst in Mimik und Augenspiel zur Höchstform zu bringen.

Dabei unterschreitet Carsten Spanger mehr als einmal die Mindestdistanz, die man zum anderen halten soll. Er fordert die Gutachterin, die bei ihm eine affektive Impulskontrollstörung vermutet, während der Exploration heraus, ihm ihre eigene verborgene Seite zu öffnen. Weshalb hat sie so große Angst vor Dunkelheit? Um an ihn dran zu kommen, muss sie sich selbst öffnen. Eine Gratwanderung beginnt. Als der ermittelnde Kommissar das Verhör an sich reißt, warnt sie ihn, „er wird komplett zumachen. Lassen Sie ihn mir.“ „Wir brauchen Ergebnisse, keine Gesprächstherapie.“ entgegnet der. Natürlich irrt er sich mit diesem Ansatz.

Seine Mutter sei als Schauspielerin vor ihrem unmittelbaren Durchbruch gestanden, als sie mit ihm schwanger wurde, behauptet Carsten Spanger. Dies zeigt sich beim Sichten von Filmmaterial als eine verschobene Wahrnehmung. Hat sie ihren Sohn manipuliert? Ihn selbst entwertet um sich selbst „größer“ zu fühlen? Karla Eckhardt lässt sich auf einen gefährlichen Ausflug ein, vermutet sie doch, jemand retten zu können, der noch am Leben ist. Nicht nur räumlich beschreitet sie mit Carsten Spanger einen Raum, es wird auch ein Ausflug in ihr eigenes Inneres.

Aaron Friesz ist im Film der Praktikant der Forensikerin. Zu Beginn stellt er fest „Im Gegensatz zu Ihnen bin ich ein Sympathieträger. Das kann hilfreich sein.“ Nicht nur bei seiner Besetzung, auch bei den anderen Rollen zeigt sich eine glückliche Hand beim Casting des Filmes. Des Weiteren spielen neben anderen mit: Marie-Christine Friedrich, Andreas Patton, Michou Friesz und Johannes Silberschneider. Gedreht wurde der Thriller in München und Wien. Regie führte Till Endemann, starke Bilder mit der Kamera fing Lars Liebold ein. Besonders erwähnt muss bei diesem Film auch der meisterliche Schnitt werden: Kilian von Keyerlingk. Die Musik ist von Oliver Thiede.

An die Vorführung von „Im Schatten der Angst“ schloss sich ein Gespräch im Filmzelt am Fluss an. Der Andrang war enorm, es gab mindestens so viele Stehplätze wie Sitzplätze. Bis ins Freie standen die Gäste und erwarteten die soeben mit dem Preis für Schauspielkunst ausgezeichnete Julia Koschitz.

Befragt nach dem Begriff Heimat antwortet sie, die in Brüssel geboren, in Frankfurt aufgewachsen ist, in Wien studiert hat und derzeit in München lebt, dass es für sie keine geografische Heimat gibt, es gibt für sie Heimat nicht als Ort. Im weiteren Verlauf des Gesprächs erzählt sie, dass sie nach dem Theaterspielen ihren Fokus auf den Dreh gelegt hat. Sie spielt noch Theater, selten, um den Kontakt zur Bühne nicht zu verlieren. Sie hat gewusst, so sagt sie weiter, wenn sie etwas lernen will, muss sie erstmal ans Theater. Im Film mit dem Körper umzugehen ist genauso wichtig wie im Theater. Sie arbeitet am liebsten mit Regisseuren, die einen guten Geschmack haben, ihr liegt viel am guten Ergebnis. Dafür braucht es jemand, der weiß, was er tut. Das größte Vergnügen ist für sie, mit einem Regisseur zu arbeiten, der Ahnung und Geschmack hat.

Die größte Bewunderung hat Julia Koschitz ihrer Aussage nach für die Autoren. Denn die müssen auf dem blanken Papier etwas schaffen. Das Buch ist erst mal die Referenz. Durch die Qualität des Drehbuchs kannn man eine Ahnung kriegen, auch wenn jeder beim Lesen einen anderen Film im Kopf hat.

Redakteurin Solveig Cornelisen erzählt auf Nachfrage, dass der „rosa Raum“ im Film das Ergebnis von Recherche der beiden Drehbuchautorinnen Rebekka Reuber und Marie-Therese Thill ist. Der Farbton wäre „Cool down Pink“. Die beiden haben, so führt sie aus, was das psychologisch-psychiatrische angeht, sehr viel recherchiert, das ist insbesondere in den Duell- und Erkenntnisszenen zu sehen, bspw. als die Gutachterin den Film mit der Mutter sieht.

Producerin Gudula von Eysmondt ergänzt, Absicht war, nicht das Who sondern das Why zu zeigen. Festivaldirektor Michael Kötz beschreibt den Film als etwas ganz Besonderes: Die beiden Autorinnen haben eine sehr intelligente Geschichte geschrieben. Es hat eine psychologische und eine philosophische Dimension, die einen Krimi bei weiten übersteigt.

"Im Schatten der Angst" ist eine Koproduktion des ZDF und ORF mit der Tivoli Film Produktion GmbH, München und der Mona Film Produktion GmbH (Produzenten: Gerald Podgornig und Thomas Hroch); gefördert von FFF Bayern, Fernsehfonds Austria und Filmfonds Wien.

Der Film ist beim Festival des deutschen Films nochmals zu sehen am 7. September.

Das Festival des deutschen Films findet noch bis zum 8. September 2019 statt. Zum gesamten Programm hier klicken.

Im Psycho-Thriller "Im Schatten der Angst" spielt Aaron Friesz den Praktikanten der forensischen Psychiaterin, dargestellt von Julia Koschitz. Foto: Jürgen Schmid, Kriminetz
Das Team zu "Im Schatten der Angst wurde auf dem roten Teppich von Festivaldirektor Michael Kötz und seiner Frau begrüßt. Foto: Jürgen Schmid, Kriminetz
Beim Filmgespräch zu "Im Schatten der Angst". Links beginnend: Producerin Gudula von Eysmondt, Redakteurin Solveig Cornelisen, Schauspieler Aaron Friesz, Festivaldirektor Michael Kötz, Schauspielerin Julia Koschitz und Moderator Rüdiger Suchsland. Foto: Jürgen Schmid, Kriminetz