Axel Petermann war Leiter einer Mordkommission in Bremen sowie stellvertretender Leiter im Kommissariat für Gewaltverbrechen und bearbeitete in dieser Zeit mehr als 1000 Fälle unnatürlicher Todesursachen. Im Jahr 2000 baute er die Dienststelle »Operative Fallanalyse« auf, die er bis zu seiner Pensionierung 2014 leitete.
Als Dozent für Kriminalistik lehrte er viele Jahren an verschiedenen Hochschulen in Deutschland. Zudem ist er seit 2001 Fachberater für zahlreiche »Tatort«-Produktionen sowie für Dokumentar- und Nachrichtensendungen. Seit 2018 ist er als Moderator und Fallanalytiker in der ZDF-Reihe »Aufgeklärt – Spektakuläre Kriminalfälle« zu sehen.
Axel Petermann engagiert sich für die Opferorganisation ANUAS als Botschafter und Schirmherr. Er hat drei Söhne und lebt mit seiner Frau bei Bremen.
Er hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht, die zu Spiegel-Bestsellern wurden, u. a. 2015 »Der Profiler« und 2021 »Im Auftrag der Toten«. Sein aktuelles im Heyne-Verlag erschienenes Buch »Die Psyche des Bösen« ist direkt auf Platz 6 der SPIEGEL-Bestsellerliste eingestiegen. Axel Petermann widmet sich darin drei spektakulären Fällen und ermittelt neu.
Für Kriminetz beantwortete Axel Petermann sieben Fragen.
Kriminetz: Das Interesse an True Crime ist ungebrochen. Was daran fasziniert Menschen derart?
Axel Petermann: Die Faszination entsteht aus einem Spannungsfeld: Wir wollen verstehen, wie Menschen zu solchen Taten fähig sind – und gleichzeitig glauben wir, dass es uns selbst nicht betrifft.
In meiner Arbeit zeigt sich jedoch immer wieder, dass »das Böse« kein fremdes Phänomen ist, sondern aus nachvollziehbaren menschlichen Entwicklungen entsteht. Genau dieses Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz macht True Crime so anziehend.
Kriminetz: Wie schafft man es, nach mehr als 1000 Fällen von Gewaltverbrechen, in denen man als Leitender Ermittler tätig war, in seinem Privatleben Abstand zum Beruf zu bekommen?
Axel Petermann: Das gelingt nur, wenn man sich bewusst macht, dass man es im Beruf mit Extremsituationen zu tun hat. Entscheidend ist, diese nicht in den Alltag zu übertragen.
Gleichzeitig nimmt man aus der Arbeit immer auch Erkenntnisse mit: etwa, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen und vorschnelle Urteile zu vermeiden. Das prägt, ohne dass es belastet.
Natürlich fasziniert mich auch das Böse. Die Faszination entsteht aus einem Spannungsfeld: Wir wollen verstehen, wie Menschen zu extremen Taten fähig sind, und gleichzeitig Distanz wahren. Das Böse wirkt auf den ersten Blick fremd – doch bei genauerer Betrachtung erkennen wir Strukturen, die zutiefst menschlich sind. Genau dieser Widerspruch macht das Thema so anziehend.
Kriminetz: Der erste vorgestellte Fall in »Die Psyche des Bösen« handelt von Katrin Jarosch, die 1989 als Dreizehnjährige in Mecklenburg-Vorpommern verschwand. Welchen Stellenwert haben aktuelle Zeugenaussagen nach über dreißig Jahren? Brennen sich solche Ereignisse nachhaltiger in unser Gedächtnis ein und die Menschen erinnern sich sehr lange daran?
Axel Petermann: Erinnerungen können auch nach vielen Jahren noch relevant sein, insbesondere wenn sie mit starken Emotionen verbunden sind. Entscheidend ist jedoch immer die Einordnung: Aussagen müssen in den Kontext der vorhandenen Spuren gesetzt werden.
Es geht also nicht nur darum, was erinnert wird, sondern wie es in das Gesamtbild passt.
Kriminetz: Der kriminelle Lebenslauf im Fall des im Buch vorgestellten Roger B. zeichnet sich schon in früher Kindheit ab. Wäre es möglich gewesen, den weiteren verhängnisvollen Entwicklungsverlauf zu stoppen?
Axel Petermann: In vielen Fällen zeigen sich früh Hinweise auf problematische Entwicklungen; bei Roger waren es deviante Tötungsfantasien. Entscheidend ist jedoch, wie diese eingeordnet und begleitet werden. Es gibt selten eine einzelne Ursache. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel aus persönlichen, sozialen und biografischen Faktoren.
Deshalb ist es so wichtig, nicht nur das Verhalten zu sehen, sondern die dahinterliegenden Muster zu verstehen.
Kriminetz: Inwieweit »erzählen« Tatorte von Verbrechen?
Axel Petermann Tatorte »erzählen« nicht im eigentlichen Sinne – sie liefern vielmehr Einblicke in die Gedankenwelt eines Täters, seine Emotionen und Bedürfnisse. Der entscheidende Fehler besteht darin, diese Einblicke vorschnell zu einer stimmigen Geschichte zusammenzufügen.
In der kriminalistischen Arbeit geht es darum, verschiedene Versionen zu entwickeln und zu prüfen, ob sie mit der Gesamtheit der Spuren vereinbar sind.
Denn nicht das einzelne Detail ist entscheidend, sondern ob alle Spuren zusammenpassen.
Kriminetz: Was veranlasst Menschen dazu, falsche Geständnisse abzulegen, wie es in dem im Buch vorgestellten Fall um das Opfer Sonja Hauser vermutet wurde?
Axel Petermann: Falsche Geständnisse entstehen häufig unter psychischem Druck oder aus dem Wunsch heraus, eine belastende Situation zu beenden. Hinzu kommt, dass Menschen dazu neigen, sich an Erwartungen anzupassen – insbesondere, wenn sie sich in einer Ausnahmesituation befinden.
Deshalb ist es so wichtig, Geständnisse immer kritisch zu hinterfragen und mit den objektiven Spuren abzugleichen. Denn auch das Geständnis eines mutmaßlichen Mörders muss bewiesen werden.
Kriminetz: Du warst auch als Berater für Fernseh-Krimis tätig. Gibt es denn einen sog. Cameo-Auftritt in einem dieser Filme, mit dem du in die Handlung eingebaut wurdest?
Axel Petermann: Es gab immer wieder kleine Anspielungen, aber keinen klassischen Cameo-Auftritt.
Für mich steht auch nicht die eigene Präsenz im Vordergrund, sondern die möglichst realistische Darstellung kriminalistischer Arbeit. Wenn Zuschauer dadurch ein besseres Verständnis für Ermittlungsprozesse entwickeln, ist das der eigentliche Mehrwert.
Kriminetz: Vielen Dank, Axel Petermann, für die Beantwortung der sieben Fragen.
Link zur Website: axelpetermann.de






















