Sieben Fragen an Biber Gullatz

Biber Gullatz ist Filmkomponist und Musikproduzent. Foto: © Biber Gullatz

Der Filmkomponist und Musikproduzent Biber Gullatz studierte nach dem Abitur Musik in den Fächern Oboe, Klavier, Komposition (Darmstadt und Köln). Als freischaffender Komponist ist er an zahlreichen Theatern im In- und Ausland tätig (u. a. Schauspielhaus Hamburg, Burgtheater Wien, Riga, Lodz, Heidelberg, Bonn).

Seit der Gründung der first take studios 1993 mit Eckes Malz arbeitet Biber Gullatz vermehrt für Film und Fernsehen. Er komponierte neben anderem Werke für TATORT, Anwalt Abel, Polizeiruf 110 und „Bretonische Verhältnisse – Ein Fall für Kommissar Dupin“. Seit 1998 ist er auch Dozent an der Universität Hildesheim und an der Universität Zürich.

Biber Gullatz ist der Sohn von Ingrid Noll, eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Seine Tante Christine Noll Brinckmann war die erste Professorin für Filmwissenschaft in der Schweiz.

Für Kriminetz beantwortete Biber Gullatz sieben Fragen.

Kriminetz: Worin besteht die besondere Herausforderung, die Musik für einen Film zu komponieren?

Biber Gullatz: Als Komponist ist man ja eigentlich immer bestrebt, seine Musik als autonomes Ganzes wahrzunehmen. Die besondere Herausforderung bei der Filmmusik ist aber, dass man als Filmkomponist ja nur einen Teil der Gesamtwirkung des Films mitgestaltet. Manchmal ist es daher sinnvoll, lediglich einen tiefen Spannungston zu einer Szene hinzuzufügen, um die Wirkung zu optimieren. Die Kunst ist es, sich an den richtigen Stellen zurückzunehmen und sich als Teil eines größeren Ganzen zu definieren.

Kriminetz: Wann gehen Sie während der Produktion „an Bord“? Sobald der Film den Schneideraum verlässt oder bereits vorher?

Biber Gullatz: Das kommt darauf an. Bei den Fernsehfilmen beginnen wir normalerweise erst, wenn der Film abgedreht ist und die sogenannte Postproduktion beginnt. Bei manchen Projekten ist es aber auch schon vorgekommen, dass man schon beim Lesen des Drehbuchs für eine erste Musikspur inspiriert wird. Ich persönlich schätze eine solch intuitive Herangehensweise, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass sich solche Musik oft sehr schön mit den Bildern verbindet. Vielleicht auch, weil die Musik bei der Entstehung noch „weniger wusste“ und auf eine unerklärbare Art anschmiegsam ist.

Kriminetz: Der Komponist arbeitet für die ZuschauerInnen verborgen quasi „hinter der Kulisse“. Agieren Sie lieber „hinter der Kamera“, als davor?

Biber Gullatz: Ich denke, die Musik hat auf die emotionale Wahrnehmung bei vielen Filmen einen großen Einfluss. Und obwohl wir „im Verborgenen“ arbeiten, ist die musikalische Untermalung (ebenso wie das Sounddesign) ein mächtiges Werkzeug, um die Zuschauer durch einen Film zu führen. Ich habe mich auf diesem Platz in der zweiten Reihe gut eingefunden, auch wenn man als Filmschaffender natürlich wesentlich weniger wahrgenommen wird als z.B. die Schauspieler.

Kriminetz: Das „First Take Studio“ hat seinen Firmensitz in Weinheim an der Bergstraße. Was bietet Weinheim, das Berlin nicht hat?

Biber Gullatz: Tatsächlich sind die First Take Studios hier im beschaulichen Weinheim vor fast 30 Jahren entstanden. Ich hatte ein altes Industriegebäude gemietet, und dort empfingen wir viele großartige Regisseure und Produzenten, die offensichtlich keinerlei Scheu hatten, aus den Metropolen in die badische Provinz zu reisen. Im Jahre 2000 zog das First Take Studio dann aber doch für einige Jahre nach Berlin und Köln, wo wir bis heute Dependancen haben.

Im Grunde spielt es aber wegen der Digitalisierung mittlerweile kaum noch eine Rolle, an welchem Ort man arbeitet. (Vor einigen Jahren habe ich sogar einmal eine Fernsehserie in Neuseeland mit einem mobilen Studio komponiert. Ob man die Videokonferenz mit dem Sender in Baden Baden nun aus Berlin, Weinheim oder Auckland macht, war nicht wirklich entscheidend. Dann schon eher die Zeitverschiebung von 12 Stunden). Aber Weinheim ist meine Heimat, und wir leben hier sehr glücklich mit der ganzen Familie.

Kriminetz: Hat sich Ihr musikalisches Talent schon sehr früh abgezeichnet?

Biber Gullatz: Meine Mutter behauptet, ich hätte schon vor dem eigentlichen Sprechen mit dem Singen begonnen. In der Grundschule bemerkte der Schuldirektor, der auch mein Blockflötenlehrer war, ein gewisses Talent und wurde bei meinen Eltern vorstellig. Ich begann dann mit Klavier und Oboe und trat schon als junger Mensch mit einer Folkband regelmäßig auf. Improvisieren hat mir schon damals viel Spaß gemacht. Im Notenlesen aber war ich immer eine Niete. Umso glücklicher bin ich, dass es trotzdem mit einem musikalischen Beruf so gut geklappt hat.

Kriminetz: Ihre Mutter Ingrid Noll ist für ihren rabenschwarzen Humor bekannt. Bei Ihnen zuhause wurde während Ihrer Kindheit sicher viel gelacht?

Biber Gullatz: Ja und wir konnten auch manchmal richtig albern sein und lachen, bis die Tränen kamen. Trotzdem wurde die schriftstellerische Phantasie meiner Mutter oft zurechtgestutzt, und mein Vater sagte dann: „Ach Ingrid, übertreibe doch nicht immer so – das war doch in Wirklichkeit ganz anders!“

Aber natürlich war Ihre Darstellung viel aufregender, lustiger und interessanter als „die Wirklichkeit“ ...

Kriminetz: Covid_19 verlangt neben anderen Berufsgruppen auch KünstlerInnen sehr viel ab. Was vermissen Sie in dieser außergewöhnlichen Zeit am meisten?

Biber Gullatz: Ich habe das große Glück, dass ich im Gegensatz zu vielen meiner auftretenden Kollegen weiterhin in meinem Weinheimer Studio Musik für Filmprojekte machen kann. Daher ist meine künstlerische Existenz auch nicht so bedroht. Doch ich vermisse den selbstverständlichen und ungezwungenen Kontakt mit unseren Freunden. Der Abstand und die Unsicherheit sich zu begegnen, verändert das allgemeine Lebensgefühl nachhaltig. Ich hoffe sehr -– auch für unsere Kinder –, dass das Wort „Kontakt“ bald wieder ein positiver Begriff sein kann.

Kriminetz: Vielen Dank, Biber Gullatz, für die Beantwortung der sieben Fragen.

Zur Website: firsttakestudios.de