Sieben Fragen an Karin Kaiser

Karin Kaiser verfasste den Indien-Krimi "Bangalore Masala". Foto: © sebastian rosenberg

Die Autorin Karin Kaiser lebt in Berlin. In der Hauptstadt hat sie u.a. viele Jahre als Lehrerin unterrichtet, ein Filmkunsttheater geleitet und Festivals und Filmreihen organisiert.

Das Herz der Autorin schlägt für Indien. Seit die Mitarbeit an einem Soundprojekt sie nach Indien geführt hat, lässt die Liebe für dieses spannende Land sie nicht mehr los. Jedoch hat ihre Faszination nie ihren Blick für die Schattenseiten einer der vielfältigsten Gesellschaften der Welt verklärt.

In dem Kulturknigge Fettnäpfchenführer Indien hat sie bereits ihr reiches Wissen über den bunten Subkontinent auf unterhaltsame Weise mit ihren Lesern geteilt. Mit ihrem Kriminalroman Bangalore Masala fand sie einen andersartigen kreativen Zugang zu ihrem Sehnsuchtsland.

Für Kriminetz beantwortete Karin Kaiser sieben Fragen.

Kriminetz: Wie kamen Sie auf die Idee, einen Kriminalroman zu schreiben, der in Indien spielt?

Karin Kaiser: Die Idee entstand über einen Umweg. Ich habe lange in Indien gelebt und gearbeitet. Um dieses überwältigende Land besser verstehen zu können, habe ich mich ihm schreibend genähert.

Besonders interessiert hat mich immer die Situation der Frauen in Indien, die sich von meiner eigenen sehr unterscheidet. So habe ich 2012 für eine Dokumentation über Frauen der Mittelschicht in Indien recherchiert. Doch wie so oft in Indien haben sich die meisten meiner sorgfältig geplanten Begegnungen in Luft aufgelöst. Zwei der stattgefundenen Interviews mit alleinerziehenden Müttern haben mich jedoch so gefesselt, dass ich beschloss, eine Geschichte um ihre Situation herum zu entwickeln. Ich wollte durch das Erzählen erfahrbar machen, mit welchen Schwierigkeiten indische Frauen heute konfrontiert sind. Ich fing also an, Ideen zu spinnen, und bin bei einem Kriminalroman gelandet.

Kriminetz: Wo liegen für Sie die Vor – und vielleicht auch Nachteile eines Kriminalromans?

Karin Kaiser: Mir scheint ein Kriminalroman ein gutes Vehikel zu sein, um Leser über Spannungsmomente in eine Geschichte mitzunehmen und sie emotional einzubinden. Auch eignet sich das Genre hervorragend, um gesellschaftliche, kulturelle, sowie psychologische Realitäten zu vermitteln und gleichzeitig gut zu unterhalten.

Manchmal schränkt der Rahmen, den der Kriminalroman vorgibt, beim Schreiben ein, hilft aber andererseits, die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Kriminetz: Worauf legen Sie mehr Gewicht, auf die gesellschaftlichen Fakten oder eine gute Dramaturgie der Geschichte?

Karin Kaiser: Die Fakten müssen auf alle Fälle stimmen, deshalb auch meine ausgiebige Recherchearbeit. Allerdings wirken Fakten in einem Roman, die nicht in eine funktionierende Dramaturgie eingebunden sind, oft langweilig. Ich will lebendige Figuren erschaffen, mit denen sich die Leser identifizieren können. Sie sollen die gesellschaftlichen und individuellen Bedingungen, die das Thema der Geschichte ausmachen, hautnah miterleben können.

Dadurch, dass ich lange in Indien gelebt habe, wurde bei mir das Gefühl für die Atmosphäre der Geschichte vor allem von den Begegnungen mit den Menschen inspiriert, die ich in ihrer Umgebung erlebt habe. Auch habe ich viel über Indien gelesen – indische Zeitschriften, Indien-Romane – und viele Filme gesehen. Und natürlich habe ich immer wieder Inderinnen und Inder zu ihrem Alltag und Leben befragt und Orte erkundet, um meine Geschichte authentisch zu gestalten und für die Leser miterlebbar zu machen.

Kriminetz: Was bedeutet Ihnen Schreiben?

Karin Kaiser: Ich war schon über 40, als ich mit dem literarischen Schreiben angefangen habe. Ich hatte mich auf verschiedenen anderen Gebieten ausprobiert, mit dem Ziel, meinen ganz eigenen Ausdruck zu finden. Deshalb fing ich an zu schreiben. Schon bald merkte ich, wie sehr das Schreiben mein Leben bereichert.

Es gefällt mir, die Realität zu verlassen, in der ich mich befinde, und einzutauchen in fremde Welten. Ich finde es spannend, Szenerien zu entwerfen, die an Erinnerungen und Erfahrungen anknüpfen und diese durch meine fiktive Fortführung zu vertiefen. Mich interessiert es, Menschen zu erforschen und herauszufinden, wer sie sind und welche Entwicklung sie durchlaufen. Davon möchte ich erzählen.

Ich habe auch festgestellt, dass Schreiben zu 90% Arbeit ist. Der Rest ist die Freude an befriedigenden Lösungen und der Spaß, wenn das Schreiben fließt - das ist die größte Freude. Und natürlich ist das "Geschriebenhaben" ein unglaublich befriedigendes Gefühl.

Kriminetz: Wie wichtig ist für Sie das Lesen der Bücher von anderen Autoren?

Karin Kaiser: Lesen ist für mich die Basis, auf der alles, was ich gestalte, ruht. Ich bin beim Lesen eine Studierende, deren Studium nie abgeschlossen ist. Meine Lehrerinnen und Lehrer sind eine ganze Reihe von geschätzten Autoren. Darunter sind einige, deren Bücher ich immer wieder lese, weil sie mich mit ihrer Kraft und der Schönheit ihrer Werke inspirieren und auf meinem Weg motivieren.

Kriminetz: Wie gehen Sie mit den eher schwierigen Tatsachen des Autorenalltags um, mit Kritik und Druck?

Karin Kaiser: Druck hat auch positive Seiten. Unter Zeitdruck geht es mir oft so, dass ich weniger zweifle und grüble, mutiger werde. Im besten Falle gerate ich in einen Sog von Konzentration, die einem Text mehr Dichte verleiht.

Es kann aber auch geschehen, dass der Druck mich blockiert und ich stecken bleibe. Dann ist es für mich wichtig, diese Realität anzunehmen und ihr Raum zu geben, statt gegen sie anzukämpfen. Umso schneller komme ich dann wieder in den kreativen Prozess.

Kritik kann sehr unterschiedlich sein. Oft hat Kritik etwas Übellauniges - das verdirbt mir die Stimmung. Ich schätze allerdings Kritik, die mir klar und sachlich Schwächen – und auch Stärken – in meinen Texten aufzeigt. Solch ein Feedback empfinde ich als Geschenk, denn es hilft mir, neue zu Schritte wagen.

Kriminetz: Welche Erfahrung in und mit Indien hat Sie grundlegend geprägt?

Karin Kaiser: Die Fremdheit, mit der ich in Indien konfrontiert war, hat mich von Beginn an zutiefst verstört. Ich habe sehr konkret erfahren, dass mein westliches Denken und Handeln nur ein Teil des Lebens erfasst. Indien hat mir vor Augen geführt, dass es noch eine andere Dimension gibt, jenseits von Denken und Handeln, die unser Leben in seiner Ganzheit bestimmt. Für diese Erfahrung bin ich Indien dankbar.

Vielen Dank, Karin Kaiser, für die Beantwortung der sieben Fragen.

Weitere Infos zu Bangalore Masala unter www.conbook-verlag.de