Sieben Fragen an Karl Olsberg

Das Foto zeigt den Schriftsteller Karl Olsberg. Foto: © Karl Olsberg

Karl Olsberg, geboren 1960, promovierte über Künstliche Intelligenz (KI), gründete mehrere Start-ups und engagiert sich in einer internationalen Community für einen sorgsameren Umgang mit KI. Er ist verheiratet und hat drei Söhne.

Aktuell ist im Aufbau-Verlag »Virtua« erschienen, ein Thriller über die Gefahren künstlicher Intelligenz.
Für Kriminetz beantwortete Karl Olsberg sieben Fragen.

Kriminetz: Sie haben sich – aus heutiger Sicht, wo KI in aller Munde ist – bereits früh mit dem Thema beschäftigt und eine Dissertation zu KI verfasst. Was war Ihr Thema?

Karl Olsberg: Konkret lautete der Titel meiner Arbeit „Expertensysteme und ihre Anwendung aus betriebswirtschaftlicher Sicht“. Ich habe das Thema aber sehr praktisch behandelt und selbst ein so genanntes „Expertensystem“ entwickelt, das jungen Gründern individuelle Ratschläge gab. Damals, 1986, war das der State-of-the-Art in der KI. Aus dieser Erfahrung heraus ist 1996 der erste kommerzielle Chatbot in deutscher Sprache entstanden und ich habe 1999 ein KI-Start-up gegründet.

Kriminetz: In »Virtua« wird KI kritisch hinterfragt. Wobei sehen Sie in der Realität die Gefährdung durch KI?

Karl Olsberg: Es gibt bereits jetzt konkrete Gefahren, wie z.B. unfaire Entscheidungen durch KIs oder die Generierung von Fake-Inhalten. Das weitaus größere Problem ist aber, dass uns die Technik in naher Zukunft quasi über den Kopf wachsen und außer Kontrolle geraten könnte, wie es auch in „Virtua“ passiert, mit womöglich katastrophalen Folgen für die Menschheit. Im Mai haben hunderte renommierte KI-Forscher vor diesem Szenario gewarnt und es auf eine Stufe mit der Gefahr durch einen Atomkrieg oder eine globale Pandemie gestellt (siehe safe.ai/statemant-on-ai-risk). Das ist also leider alles andere als Science-Fiction.

Kriminetz: Die KI »Virtua« nimmt im Roman die Erscheinungsform einer attraktiven Frau an. Macht sie das vordergründig harmloser?

Karl Olsberg: Wir Menschen bewerten Situationen oft intuitiv und da spielt das Aussehen nachweislich eine Rolle, mögen wir uns auch noch so oft einreden, wir würden eine Person „objektiv“ bewerten. Wir vertrauen gutaussehenden Menschen tendenziell eher, unabhängig davon, ob sie es wirklich gut mit uns meinen. Das nutzt natürlich die Werbung ebenso aus wie die Hersteller von KIs.

Kriminetz: Das Metaverse ist eine virtuelle Welt, die es Menschen ermöglicht, dort zu agieren. In »Virtua« ist es die Figur Jerry, dem die Virtual-Reality-Brille beinahe im Gesicht festwächst. KI suggeriert ihm, sein reales Leben würde besser. Kann das jedoch nicht tatsächlich so sein, beispielweise durch den Einsatz von KI im medizinischen Bereich?

Karl Olsberg: Natürlich bieten KI und auch das Metaverse viele Chancen. Ich habe selbst eine VR-Brille und freue mich auf die neue Augmented-Reality-Brille von Apple. Und KI kann man zum Beispiel nutzen, um behinderten Menschen zu helfen, Krankheiten zu heilen und den Verkehr sicherer zu machen. Die Schattenseite ist, dass wir immer abhängiger von der Technik werden und es immer schwerer wird, Realität und virtuelle Welt voneinander zu trennen. Es geht also nicht darum, KI pauschal zu verteufeln, sondern sie sinnvoll und mit angemessener Vorsicht zu entwickeln und zu nutzen.

Kriminetz: Das Theaterstück zu Ihrem Jugendroman »Boy in a White Room« wurde mit dem Monika Bleibtreu-Preis ausgezeichnet. Wovon handeln der Roman und das Theaterstück?

Karl Olsberg: Auch in „Boy in a White Room“ geht es um KI und virtuelle Realität: Ein Junge findet sich in einem virtuellen weißen Raum wieder, ohne zu wissen, wer er ist und wie er dorthin gekommen ist. Das Thema des Buchs ist genau das Problem, das ich in der vorigen Antwort beschrieben habe: Wie können wir in einer voll digitalisierten Welt noch wissen, was real ist und was nicht? Und was bedeutet es dann, ein Mensch zu sein? Das Theater Überzwerg aus Saarbrücken hat diese Geschichte unglaublich eindrucksvoll umgesetzt und den Monika-Bleibtreu-Preis dafür völlig zu Recht erhalten, worauf ich natürlich sehr stolz bin.

Kriminetz: Haben Sie für Ihre mittlerweile erwachsenen drei Söhne in deren Jugendalter die Zeit, die diese im Internet verbringen durften, limitiert?

Karl Olsberg: Ja, als Kinder durften sie nur eine bestimmte Zeit am Computer oder der Konsole spielen oder im Internet surfen. Ich glaube, es ist wichtig, dass die Kids lernen, das Hier und Jetzt bewusst zu erleben und nicht alles zu glauben, was ihnen auf TikTok und anderen Kanälen vorgegaukelt wird. Deshalb schreibe ich auch Kinder- und Jugendbücher darüber.

Kriminetz: Wenn Sie selbst lesen, was bevorzugen Sie: Ein gedrucktes Buch oder ein E-Book?

Karl Olsberg: Aus praktischen Gründen lese ich sehr viele E-Books, freue mich aber umso mehr, wenn ich ein gedrucktes Buch in den Händen halte. Ich habe sogar mit einem kleinen Team eine App namens Papego entwickelt, die die Vorteile beider Formen verknüpft: Damit kann man ein gedrucktes Buch nahtlos auf dem Handy weiterlesen, wenn man z.B. unterwegs ist, und dann zu Hause ganz leicht wieder zum gedruckten Buch zurückkehren. Leider hat die Buchbranche die App nicht wie erhofft unterstützt, so dass wir die Entwicklung einstellen mussten, obwohl es viele begeisterte Nutzer gab.

Kriminetz: Vielen Dank, Karl Olsberg, für die Beantwortung der sieben Fragen.

Weitere Infos zum Autor auf der Website von Karl Olsberg.