Sieben Fragen an Stephan Lucas

Stephan Lucas ist Fachanwalt für Strafrecht. Bekannt ist er aus der TV-Show „Richter Alexander Hold“, wo er einen Staatsanwalt spielt. Aktuell ist sein Buch „Täter und Opfer“ bei Droemer erschienen. Foto: © Christian Kaufmann

Stephan Lucas, geboren 1972 in Frankfurt am Main, verhilft seit bald 25 Jahren als Fachanwalt für Strafrecht Menschen, denen schwere Verbrechen vorgeworfen werden, zu ihrem Recht. 2006 gründete er seine eigene Kanzlei in München. Seither wirkte er in zahlreichen medienpräsenten Strafprozessen mit (NSU, Winnenden). Das Fernsehpublikum kennt ihn als strengen »Staatsanwalt« aus der TV-Show »Richter Alexander Hold« . Ab August 2022 ist er – wieder als »Staatsanwalt« – mit neuen Folgen bei RTL am Start (»Ulrich Wetzel – Das Strafgericht«). Auch meldet sich Stephan Lucas regelmäßig als Rechtsexperte zu Wort (u.a. »Maischberger«, »Phoenix-Runde«).

2012 veröffentlichte der Knaur-Verlag sein erstes Buch Auf der Seite des Bösen. 2017 erschien – ebenfalls bei Knaur – sein Bestseller Garantiert nicht strafbar. So lautet auch der Titel seines ersten Bühnenprogramms, mit dem Stephan Lucas ab Januar 2018 auf Deutschlandtour ging.

Im April 2022 ist bei Droemer Knaur sein neuestes Buch Täter und Opfer erschienen. Ab September 2022 bringt der Anwalt das gleichnamige »True-Crime-Programm« auf Deutschlands Kleinkunstbühnen. Vorher noch – ab Juli 2022 – startet bei Podimo sein eigener Podcast, Titel auch hier: »Täter und Opfer«.

Für Kriminetz beantwortete Stephan Lucas sieben Fragen.

Kriminetz: Ihr aktuelles Buch trägt den Titel »Täter und Opfer«. Gibt es Möglichkeiten, sich davor zu schützen, Opfer einer Straftat zu werden?

Stephan Lucas: Die Viktimologie, zu deutsch Opferforschung, setzt sich genau mit diesem Thema auseinander: warum wird jemand Opfer einer Straftat, welche Beziehungen entstehen zwischen Tätern und Opfern, und wie vermeide ich es Opfer zu werden? Bildlich gesprochen sind überall um uns herum rote Linien gezogen; übertrete ich sie, setze ich womöglich eine Entwicklung in Gang, die mich am Ende als Opfer zu Fall bringen könnte. Nehme ich zB als Frau nach einem Clubbesuch fremde Männer mit nach Hause, womöglich nach reichlich Alkoholkonsum? Schaue ich in der Fußgängerzone einer finster blickenden Gruppe junger Männer direkt in die Augen? Drängele ich auf der Rolltreppe einen rücksichtslosen Linkssteher ebenso rücksichtslos beiseite? Weise ich auf öffentlichen Plätzen jeden x beliebigen Raucher auf ein Rauchverbot hin? Bleibe ich bei einem Partner, der mich schon öfter im Streit geschlagen und sogar mit einem Messer bedroht hat?

In gewissem Maße haben wir es selbst in der Hand, ob wir zum Opfer werden oder nicht. Eine sich zuspitzende Situation kann man verlassen, einer sich anbahnenden Eskalation entgegenwirken, einem übergriffigen Gegenüber frühzeitig Grenzen setzen. Doch dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass Menschen sich womöglich in völlig unterschiedlichen Lebenskontex-ten befinden. Bildungsgrad, finanzielle Verhältnisse, soziales Umfeld, Erlebnisse in der Kindheit, psychische Verfassung, das alles sind Faktoren, die uns bei der Annahme oder Vermeidung einer Opferrolle beeinflussen.

Deshalb ist es nicht leicht, sich in allen Lebenssituationen gegen potenzielle Täter verschiedenster Straftaten zu wappnen. Je mehr wir uns jedoch kritisch mit dem, was um uns herum geschieht, beschäftigen, desto stärker können wir uns davor schützen, dass unser Leben durch ein Verbrechen zerstört werden könnte.

Kriminetz: Opfer treten häufig vor Gericht als Nebenklägerinnen und –kläger auf. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff? :

Stephan Lucas: : Aus Medienberichten über Prozesse mit vielen Opfern wie die Verfahren wegen der NSU-Morde oder wegen der Katastrophe bei der Love Parade hat fast jeder schon einmal von »Nebenklage« und »Nebenklägern« gehört. Was sich dahinter verbirgt, ist eine besondere Form der Beteiligung von Opfern an einem Strafprozess gegen den Täter, die es seit 1986 gibt.

Anders als der Begriff nahelegt, geht es nicht darum, dass das Opfer den Täter verklagt oder gar anklagt; das ist und bleibt alleinige Aufgabe der Staatsanwaltschaft. Ohne die Nebenklage beschränkt sich die Rolle des Opfers im Strafprozess auf die eines ganz normalen Zeugen, der erst von der Polizei vernommen wird und Monate später von einem Gericht eine Ladung erhält, um dort in einer Hauptverhandlung gegen den mutmaßlichen Täter erneut auszusagen. Ansonsten läuft das Verfahren komplett am Opfer vorbei.

Mit einer Nebenklage dagegen wird das Opfer über die Zeugenrolle hinaus neben Staatsanwaltschaft, Angeklagtem und Verteidiger zum Prozessbeteiligten, mit einem Anwesenheitsrecht in der Hauptverhandlung und mit der Befugnis, Zeugen und Sachverständige zu befragen, selbst Anträge zu stellen, Erklärungen abzugeben, ein Plädoyer zu halten und, je nach Ausgang des Prozesses, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen bzw. einen Anwalt zu beauftragen, der all dies für das Opfer übernimmt.

Bei Straftaten, bei denen das Opfer selbst zu Tode kommt, geht das Recht zu einer Nebenklage auf die hinterbliebenen Angehörigen über. Die Erfahrung zeigt, dass eine aktive Beteiligung als Nebenkläger am Strafverfahren einen Beitrag dazu leisten kann, als Opfer oder Hinterbliebener mit den Folgen der Tat besser umgehen zu können. Geht es manchen Opfern einer Straftat primär um Sühne, haben insbesondere Hinterbliebene meist in erster Linie das Ziel, über den Strafprozess herausfinden zu können, wie die Tat im Einzelnen abgelaufen ist. Sie wollen das Motiv des Täters, der so viel Leid über die Familie gebracht hat, zu begreifen versuchen und wenigstens einen Erklärungsansatz für das Unfassbare bekommen. Wieder andere legen den Schwerpunkt der Nebenklage darauf, einen späteren Schadensersatz und Schmerzensgeldprozess gegen den Täter vorzubereiten.

Kriminetz: Täter und Täterinnen haben das Recht auf einen Rechtsbeistand vor Gericht. Fällt es ihnen leichter, Opfer als Mandanten zu vertreten?

Stephan Lucas: Es fällt mir sehr viel leichter, mutmaßliche Täter oder Täterinnen zu vertreten. Während ich bei der Vertretung eines Opfers meistens weiß oder jedenfalls unterstelle, dass es tatsächlich ein Verbrechen erleiden musste – im Falle einer getöteten Person ist dies ja per se unstreitig -, habe ich bei einem Angeklagten keine Ahnung, ob er die Tat begangen hat oder nicht. Und ich lasse die Frage auch gar nicht an mich heran. Stattdessen verschanze ich mich hinter der Beweislage und konzentriere mich voll und ganz auf die Frage: ist die Tat meinem Mandanten nachzuweisen oder nicht? Dabei lasse ich als Jurist die scheinbar näher liegende Frage gar nicht erst an mich heran: hat er die Tat wirklich begangen?

Kriminetz: Im Beitrag »Wellness im Kindergarten« geht es um eine Einrichtung, in der es eine Sauna für Dreijährige gibt. Ist solch ein kurioses Angebot alleine schon ein Grund, erhöht aufmerksam zu sein?

Stephan Lucas: Nein. Wenn ein Erzieher sich einem kleinen Kind sexuell nähern möchte, schafft er es in den undenkbarsten Situationen. Es ist meines Erachtens ein mehr und mehr gemachter, gesellschaftlicher Fehler, per se nicht sexualisierte Lebenssachverhalte mit dem vermeintlichen Blick eines Sexualverbrechers zu sexualisieren. Ein nacktes Baby hat nichts mit Sex zu tun. Ich habe deshalb ehrlich gesagt ein bisschen meine Probleme damit, dass zB kleine Kinder in Badehosen in den Medien tabuisiert oder gepixelt werden. Wir suggerieren dadurch, es ginge bei einer solchen natürlichen Alltagssituation um Sex.

Ob eine Sauna im Kindergarten nun wirklich Not tut, mag man hinterfragen dürfen, eine der Idee nach aber alleine der Wellness dienende Sauna aus Sorge vor sexuellen Übergriffen nicht anzubieten, wäre aus den genannten Gründen das falsche Signal, meine ich. Deshalb noch einmal: die Gefahr sexueller Übergriffe in Kindergärten besteht grundsätzlich. Alleine schon, weil die Eltern ihre noch sehr beeinflussbaren Kinder über Wochen, Monate oder Jahre fremden Menschen an die Hand geben und ihnen anvertrauen, während sie – zwingend – über viele Stunden keinen Einfluss auf die Situationen im Kindergarten haben.

Eltern sollten deshalb immer wachsam sein und Auffälligkeiten – unaufgeregt – sofort bei der Leitung ansprechen, sich aber nicht von vorneherein zB durch männliche Erzieher, Schwimmbadausflüge oder eben eine Sauna nervös machen lassen.

Kriminetz: Was war Ihre Intention, sich auf Strafrecht zu spezialisieren?

Stephan Lucas: Ich wollte ursprünglich PR machen, bereits nach meiner ersten Strafrechtsvorlesung im ersten Semester wusste ich aber schon als Student: bei mir muss es Strafrecht sein. Innerhalb von 90 Minuten war ich nach einem starken Plädoyer meines Professors Peter-Alexis Albrecht auf diese Materie unumstößlich davon überzeugt und bin es heute noch genauso.

Im Strafrecht erleben wir einen kompletten Abriss unserer Gesellschaft. Jeder kann von jetzt auf gleich Opfer einer Straftat werden, ausnahmslos jeder. Und jeder kann ebenso schnell plötzlich Täter sein. Wo Menschen sind, da passieren Straftaten. Schon immer. Verteidigung, Staatsanwaltschaft, Polizei und Gericht sind in dem Moment in der Regel nicht dabei. Und diese Organe sollen nun für den Staat, für jeden einzelnen Bürger mit solchen Gegebenheiten umgehen und letztlich ein gerechtes Urteil ermöglichen. Was für ein schwieriges, immer wieder an seine Grenzen stoßendes Unterfangen. Ist das nicht aufregend?

Warum ich mich allerdings seit bald 25 Jahren in den meisten Fällen als Verteidiger auf die Seite der mutmaßlichen Täter schlage, habe ich nie hinterfragt. Ich glaube, man ist Strafverteidiger oder man ist es nicht. Und ich bin es. Als Verteidiger setze ich mich nicht für die Taten ein, sondern für die Rechte, die jedem Beschuldigten und jedem Angeklagten zustehen. Bedingungslos.

Kriminetz: Ihre vorgestellten Fälle sind vielfältig. Gibt es auch Mandate, die Sie prinzipiell ablehnen?

Stephan Lucas: Nein, ich lehne keine Mandate prinzipiell ab. Es gibt Kollegen, die zB generell keine Sexualstrafsachen, insbesondere Missbrauchsfälle, die Kinder betreffen, übernehmen. Ich finde das nicht richtig. Es ist nicht meine Aufgabe als Strafverteidiger bei einzelnen Straftaten zu differenzieren frei nach dem Motto: Steuerhinterziehung ist schon ok, bei Körperverletzung kommt es darauf an, aber Vergewaltigung geht gar nicht. Alle diese Vorwürfe wären nun einmal strafbar – ohne »wenn und aber«.

In Deutschland hat aber jeder mutmaßliche Täter dieselben Rechte, ganz gleich, ob er einen Diebstahl oder einen bestialischen Doppelmord begangen haben soll. So sieht es unser Rechtsstaat vor. Keine Abstufungen im Unrecht. Und hierzu gehört auch das Recht, sich einen Verteidiger nehmen zu dürfen, der sich für eben diese Rechte bedingungslos einsetzt, alleine schon, weil jeder mutmaßliche Täter auch unschuldig sein könnte.

Kriminetz: Was erwartet die Gäste bei Ihrem Bühnenprogramm?

Stephan Lucas: Meine Gäste erwartet »echte« true crime. Das Wort »echt« betone ich gerne, obwohl es ja eigentlich im englischen Wort »true« schon enthalten sein müsste. Leider wird der Begriff »True Crime« in Literatur und in den Medien immer öfter überstrapaziert. Bei mir jedenfalls sind alle Fälle, von denen ich in meinem Programm erzähle, echt. Sie haben sich tatsächlich so ereignet, und ich habe jeden dieser Fälle persönlich als Anwalt begleitet.

Die Zuschauer werden mitfiebern, staunen, beruhigt sein, den Kopf schütteln und an vielen Stellen auch gelöst lachen können. Und nach dem Abend werden sie sicher feststellen: »Mensch, und gelernt habe ich auch noch etwas.« Ich möchte meine Gäste unterhalten – eben mit »true crime« vom »true Verteidiger«. Ich freue mich schon sehr darauf, wenn es im September endlich losgeht. Vorher, nämlich im Juli, geht übrigens noch mein eigener Podcast bei Podimo los. Wie mein Buch und mein Bühnenprogramm trägt er ebenfalls den Titel, der es nun einmal auf den Punkt bringt: »Täter und Opfer«. Denn genau darum geht es.

Kriminetz: Vielen Dank, Stephan Lucas, für die Beantwortung der Fragen.

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