Sieben Fragen an Uli Aechtner

Uli Aechtners aktueller Roman »Poyais - Ein Land, das es nie gab« ist bei Emons erschienen. Foto: © bei der Autorin.

Nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstwissenschaften arbeitete Uli Aechtner als Journalistin beim französischen Fernsehen TF1 in Bonn, später wechselte sie zum SWF-Mainz. Viele Jahre lang war sie dort für die aktuelle Berichterstattung tätig und moderierte die tägliche Nachrichtensendung »Landesschau«. 1985 gewann sie das Stipendium »Journalistes en Europe« und verbrachte ein Jahr in Paris. Als freie Autorin lieferte sie TV-Beiträge für ARD und ZDF. Seit 1992 lebt sie in der Wetterau und schreibt Kriminalromane. Sie ist Mitglied im Syndikat, dem Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur.

Für Kriminetz hat Uli Aechtner sieben Fragen beantwortet.

Kriminetz: Wie bist du auf den Betrug aufmerksam geworden, den du in deinem aktuellen Roman »Poyais - Ein Land, das es nie gab« zum Thema machst?

Uli Aechtner: Mein jüngerer Sohn erzählte mir vom Poyais-Betrug. Ihn verwunderte, dass ein Hochstapler vor 200 Jahren mit betrügerischen Landverkäufen, gefakten Staatsanleihen und einer erfundenen Währung an die 110 Millionen Euro erschwindeln konnte - in heutige Währung umgerechnet. Mich faszinierte dann das historische Umfeld. 1815 war in Indonesien der Vulkan Tambora ausgebrochen, seine Lavaauswürfe hatten zur Folge, dass es in Europa kalt und dunkel wurde. Hungersnöte und Migration waren die Folge. Alexander von Humboldt sorgte sich, dass der südamerikanische Kontinent von Einwanderern zertrampelt werden könnte, bevor man seine Naturschönheiten erforscht hätte. Zudem endeten zu dieser Zeit die Napoleonischen Kriege, und europäische Soldaten suchten ihr Glück in den Südamerikanischen Befreiungskriegen.

Kriminetz: Der Roman handelt zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Mit welchen Hilfsmitteln hast du dich in diese Zeit zurückversetzt?

Uli Aechtner: Es gibt heute noch etliche Quellen zum Poyais Betrug, zum Beispiel das Siedlerhandbuch, mit dem Gregor MacGregor die Auswanderer in den Dschungel lockte, oder die Tendenzschrift eines Colonels, dessen Bruder in MacGregors Schlachten starb. Ich habe aber auch darüber hinaus viel gelesen, etwa Biografien von Seefahrern. Die Briefe von Goethes Mutter gaben mir einen schönen Einblick in das gesellschaftliche Leben der damaligen Zeit, und im Frankfurter Historischen Museum fand ich die Nachbildung einer Schirn – also eines Verkaufsstands, wie man ihn nicht nur zu Messezeiten aufbaute.

Kriminetz: Wäre ein solcher Betrug in dieser Form heute auch noch denkbar?

Uli Aechtner: Die Nachrichtenkommunikation der damaligen Zeit spielte MacGregor gehörig in die Karten. Es gab ja weder Flugzeuge noch Telefon, und ein Brief von Südamerika nach Europa brauchte sieben Wochen. Es dauerte daher eine Weile, bis die britische Regierung dem Hochstapler auf die Schliche kam und immerhin sechs seiner acht Siedlerschiffe stoppte. Heutzutage werden Fakenews von hochrangigen Politikern in Ost und West per Internet in Windeseile verbreitet. Und auch beim Betrug haben sich die Formen dank moderner Technik stark verändert. So warnt das BKA auf seiner Webseite nicht nur vor Schockanrufen und Abzocke bei Geldanleihen, sondern auch vor Ransomware-Angriffen, Phishing-Wellen oder Phone-Order-Bestellungen bei Flugtickets. Es lohnt sich, die Seite mal anzuschauen.

Kriminetz: Neben deinen Romanen hast du auch etliche Kurzgeschichten veröffentlicht. Was reizt dich an dieser Form?

Uli Aechtner: Oje, nun ist ein Geständnis fällig: Kurzgeschichten sind gar nicht so meins. Schließlich bringt ein Kurzkrimi mit Recherche, Figurenentwicklung und Plotten so viel Arbeit mit sich, dass man auch gleich ein Buch daraus machen könnte. Wobei mir so manche mörderische Kurzgeschichte schon Spaß gemacht hat, zum Beispiel die Noir-Erzählung »Neunerregel« in »Banken, Bembel und Banditen« vom Gmeiner-Verlag oder der sexy Weihnachtsmord »Wattweihnachten« in »Mordlichterglanz« aus dem Leinpfad-Verlag. Den kann man sich übrigens auf meiner Webseite anhören.

Kriminetz: Im September erscheint im Schöffling Verlag dein Katzenkrimi »Ein Mord für ein Miau«. Im Zentrum der Handlung stehen Bonnie und Clyde, auf die die Nachbarin aufpassen soll. Haben dich Nachbarskatzen zu diesem Krimi inspiriert?

Uli Aechtner: Mit meinen Nachbarkatzen pflege ich ein inniges Verhältnis. Pepper trinkt aus meinen Gießkannen und sonnt sich in meinem Garten. Bonny begrüßt mich freundlich, wenn ich nach Hause komme, beschnuppert mich und streicht mir um die Beine. Naja, wenn sie Lust dazu hat. Und Gismo spitzt aufmerksam die Ohren, wenn ich vor dem Schlafengehen noch einmal aus dem Fenster schaue, ihn im Dämmerlicht der Straßenlaterne entdecke und ihm zufiepe. Und irgendwie spielen sie alle in meinem Katzenkrimi mit – auch wenn sie da andere Namen haben.

Kriminetz: Du wohnst in der Nähe des Flusses Nidda. Bedeutet es dir etwas, in Wassernähe zu wohnen?

Uli Aechtner: Ohne Wasser in der Nähe hätte ich das Gefühl zu vertrocknen. Aufgewachsen in Bonn am Rhein, bin ich auf einer Insel im Rhein zur Schule gegangen. Das hatte aus meiner Sicht viele Vorzüge, denn das Boot konnte oft nicht übersetzen. Bei Hochwasser oder Eisschollen durften wir direkt zu Hause bleiben, bei Nebel warteten wir im Elternhaus einer Mitschülerin darauf, dass er sich verzog. Klönstunden bei Tee und Musik statt Grammatik und Mathe! Heute gehe ich in Frankfurt am Main spazieren, gern ein Eis in der Hand, und ich lebe direkt an der Nidda. Sie ist ein kleiner, aber äußerst liebenswerter Fluss, zumal sie auf weiten Strecken renaturiert ist.

Kriminetz: Du bist Mitglied im Syndikat, dem Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur. Ist Netzwerken etwas, das du jungen Autorinnen und Autoren empfiehlst?

Uli Aechtner: Unbedingt. Als junge Autorin muss man sich tummeln und alle Netzwerke nutzen, die es gibt. Wichtig dabei ist, dass man den Mut aufbringt, die gestandenen Büchermenschen aller Couleur anzusprechen, sie um Feedback zu bitten oder um Lesungen und Beteiligung an Anthos. Nie hat man an alle Türen schon geklopft.

Kriminetz: Vielen Dank, Uli Aechtner, für die Beantwortung der sieben Fragen.

Zur Website der Autorin uli-aechtner.de