Sieben Fragen an Zoë Beck

»Paradise City« von Zoë Beck landete im August 2020 auf Platz 1 der Krimi-Bestenliste. Foto: © Victoria Tomaschko

Zoë Beck absolvierte ihr Studium der englischen und deutschen Literatur in Deutschland und England. Sie ist Schriftstellerin, Übersetzerin (u. a. Sally Rooney, Denise Mina, Amanda Lee Koe), Verlegerin (CulturBooks gemeinsam mit Jan Karsten) und Synchronregisseurin für Film und Fernsehen. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Zoë Beck zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen KrimiautorInnen und wurde mit zahlreichen Preisen, unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis, dem Radio-Bremen-Krimipreis und dem Deutschen Krimipreis, ausgezeichnet. 2018 erhielt sie die Goldene Auguste.

Sie engagiert sich bei: Verlage gegen Rechts, Herland, Bücherfrauen, Litprom und PEN Zentrum Deutschland.

Ihre Romane und Erzählungen wurden bisher in zehn Sprachen übersetzt. Ihr aktueller Roman Paradise City, erschienen im Suhrkamp Verlag, landete im August 2020 auf Platz 1 der Krimi-Bestenliste, auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und ist im selben Monat Bestseller in Focus, Stern und Börsenblatt.

Für Kriminetz beantwortete Zoë Beck erneut sieben Fragen.

Kriminetz: »Deutschland in der Zukunft. Die Küsten sind überschwemmt, weite Teile des Landes sind entvölkert, und die Natur erobert sich verlassene Ortschaften zurück. Berlin ist nur noch eine Kulisse für Touristen.« In deinem aktuellen Roman »Paradise City« gibt es keine konkrete Zeitangabe. Mich überfällt das Gefühl, die Zukunft holt uns schneller ein, als uns lieb ist. Weshalb wolltest du dich zeitlich nicht näher festlegen?

Zoë Beck: Ich habe ein paar Hinweise gestreut, wenn man will, kann man sich drauf einlassen und nachrechnen. Das Buch spielt Anfang des 22. Jahrhunderts. Aber ich finde es eigentlich ganz schön, dass es für viele Leser*innen in einer deutlich näheren Zukunft angesiedelt zu sein scheint.

Kriminetz: Weiter heißt es im Klappentext: »Nahezu das gesamte Leben wird von Algorithmen gesteuert.« Hattest du die Gelegenheit, eine sogenannte Smart-City, wie es sie bereits gibt, zu besuchen?

Zoë Beck: Ich habe mir einige Projekte, die auch nachhaltig sein sollen, angeschaut und mich besonders im Bereich Stadtplanung und Infrastruktur informiert. Jetzt kommt es mir noch absurder vor, wenn ich sehe, was Städte und Gemeinden an Bauprojekten planen und umsetzen. Da hätte längst ein komplettes Umdenken stattfinden müssen, aber es ist und bleibt ein „Weiter so!“, wie auch bei der Autoindustrie, die viel zu spät reagiert hat und lieber auf benzinfressende SUVs setzt, die so groß sind, dass man eine Leiter zum Einsteigen braucht. Oder wenn ich an den Leerstand vieler innerstädtischer Immobilien denke, weil die Eigentümer lieber Verluste abschreiben als Mieten zu senken – was soll man davon halten? Enteignen? Auch nicht der richtige Weg. Oder doch? Meine Hoffnung war in den letzten Monaten, dass diese Lockdown-Situation nachhaltig zum Umdenken in vielen Lebensbereichen führt, vor allem auf wirtschaftlicher Ebene, aber da träume ich nun mal leider nur von.

Kriminetz: In der Brust der Hauptfigur Liina schlägt ein fremdes Herz und hält sie am Leben. Kann dies als Bild für die kapitalistische Lebensweise, die auf Kosten und zu Lasten anderer geht, interpretiert werden?

Zoë Beck: Mir ging es um den Gedanken des lebenswerten Lebens, wie weit geht man, um den menschlichen Organismus zu optimieren, was passiert, wenn man die Entscheidung darüber, was lebenswert ist, einem Algorithmus überlässt, der als Grundannahme einen „normalen“ Menschen hat und Parameter wie Lebensfreude, Spaß, Liebe, Zufriedenheit usw. gar nicht mitberechnen kann. Weil diejenigen, die ihn programmiert haben, zunächst gar nicht auf so etwas gekommen sind. Denen ging es um Optimierung, um ein möglichst langes, gesundes Leben. Jede Form der Beeinträchtigung sollte eliminiert werden. Zweifel an dieser Grundannahme vom Menschen, der nur dann glücklich ist, wenn er sich perfekter Gesundheit erfreut, kommen ihnen viel zu spät.

Kriminetz: Die eigentliche »Paradise City« scheint die Welt der »Parallelen« zu sein. Die Unangepassten der Gesellschaft leben außerhalb der Stadt. Liina stellt fest, dass das Leben dort nicht den Vorstellungen entspricht, die darüber kursieren. Sie fragt sich, »warum wir so verarscht werden«. Sie wird Redakteurin »bei einem der letzten nichtstaatlichen Nachrichtenportale«. Weshalb ist Pressefreiheit so essentiell wichtig für Gesellschaften?

Zoë Beck: Oh nein, die Parallelen leben keineswegs in paradiesischen Zuständen, Paradise City ist schon die Megacity, und die Parallelen sind die aus dem Paradies Vertriebenen. Wie jedes Paradies ist auch die City eine Illusion.

Eine unabhängige Presse ist wichtig für die Meinungsbildung, sie soll helfen, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen, sie soll die Möglichkeit liefern, sich Themen von unterschiedlichen Seiten zu nähern. Sie soll Skandale aufdecken und informieren. Das geht alles nicht, wenn die Presse vom Staat gelenkt ist. Das geht auch nur bedingt, wenn die Medien sich vor allem nach wirtschaftlichen Überlegungen richten müssen, weil sie Geldgeber hinter sich haben, deren Interessen es zu berücksichtigen gilt. Ich bin ein großer Fan des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und einer unabhängigen, vielseitigen Presselandschaft.

Kriminetz: Liina zieht es in den Norden. In Helsinki leben laut dem »World Happiness Report« angeblich die glücklichsten Menschen Europas. Der »apollinische« Norden hat plötzlich klare Vorzüge gegenüber dem »dionysischen« Süden. Im Gegensatz zu den Zeiten, als es die Europäer scharenweise in südliche Gefilde zog. Welch zusätzlichen Gründe neben den derzeitigen klimatischen Bedingungen sprechen aus deiner Sicht für den Norden, um dort zu leben?

Zoë Beck: Für mich ist der Norden schon immer ein Sehnsuchtsziel gewesen, mehr als der Süden, eben auch, weil ich keine Hitze vertrage. Ich verbinde damit: weniger Menschen, Klarheit, Ruhe. Aber ich fand auch die Vorstellung der Flucht vor den menschgemachten Problemen nach Norden ein schönes fatalistisches Bild, weil es irgendwann nicht mehr weitergeht. Man sieht sich schon einsam auf einer Eisscholle treiben, um alles hinter sich zu lassen, aber Eisschollen gibt es dann auch nicht mehr so viele.

Kriminetz: Die Corona-Krise ist nur eines von vielen anderen Problemen, die uns auf lange Sicht begleiten werden. Die Menschheit hat die Lebensqualität auf unserem Planeten ordentlich an die Wand gefahren. Die plötzliche Aktualität deines Romanes muss dich selbst auch überrascht haben?

Zoë Beck: Eher, was die zeitliche Nähe zur Veröffentlichung anging. Die Expert*innen, mit denen ich mich vorab ausgetauscht habe, meinten, sie warteten schon die ganze Zeit auf die nächste Pandemie. Was mich gerade eher umtreibt, ist die offenbare Unfähigkeit der Menschheit, endlich Maßnahmen einzuleiten, die diesen Planeten noch retten können.

Krimnetz: In »Paradise City« wird das Leben von einer App dirigiert. Benutzt du selbst Apps? Beispielsweise die Corona-Warn-App?

Zoë Beck: Selbstverständlich. Die Corona-Warn-App hatte ich sofort auf dem Smartphone, und sie hat auch schon mal angeschlagen. (Testergebnis war dann zum Glück negativ.) Diese App sammelt wirklich die allerwenigsten Daten. Alle anderen sammeln ständig alles Mögliche. Ich denke, dessen muss man sich sehr bewusst sein. Worauf lasse ich mich ein, will ich das, kann ich es wirklich voll und ganz vermeiden (ich würde sagen: nein, nicht, wenn man ein Smartphone besitzt). Wir sollten uns alle für klare gesetzliche Bestimmungen engagieren und in dieser Hinsicht gut informiert bleiben, wenn wir das Spiel schon mitspielen.

Kriminetz: Vielen Dank, Zoë Beck, für die Beantwortung der sieben Fragen.

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