Vasseur erklärt: Bücher, die nie gelesen wurden

Eine kleine Reihe: Mathieu Vasseur, Antiquar in der Rue Vieille-du-Temple und Ermittler wider Willen, erklärt Dinge aus seinem Fach. Den Anfang macht ein Buch, das nie jemand gelesen hat.

Es kommt vor, dass jemand einen Band auf meinen Tisch legt und dazu sagt, sein Großvater habe dieses Buch geliebt. Dann drehe ich es zum Fenster und sehe mir den oberen Schnitt an.

Bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein verließen Bücher die Druckerei als gefaltete Bogen. Ein Bogen ist ein großes Blatt, bedruckt und mehrfach gefalzt, sodass acht oder sechzehn Seiten in der richtigen Reihenfolge übereinanderliegen. Gebunden wurde der Stapel am Rücken; oben und außen blieben die Falze geschlossen. Wer lesen wollte, brauchte ein Messer. Man schnitt sich durch das Buch, Bogen für Bogen, während man vorankam.

Deshalb kann ich sehen, wie weit jemand gekommen ist.

Ein Band, dessen Falze alle geschlossen sind, wurde nie geöffnet. Nicht überflogen, nicht angelesen — nie. Er stand im Regal, hundert Jahre lang, und niemand hat je die Seite zwölf gesehen. Häufiger ist der andere Fall: Die ersten drei Bogen sind sauber getrennt, der vierte auch noch, und ab Seite sechzig hört es auf. Da hat jemand angefangen und aufgehört, und man weiß auf den Zentimeter genau, wo.

Ich sage das nicht, um mich über die Toten lustig zu machen. In meinem eigenen Hinterzimmer steht ein Lyoner Druck, an dem seit Jahren zwei Bogen ungeöffnet sind, und ich bin es, der sie nicht geöffnet hat.

Für den Handel ist die Sache heikler, als sie klingt. Ein unaufgeschnittenes Exemplar gilt als besonders schön — unberührt, wie es die Druckerei verlassen hat —, und mancher Sammler zahlt dafür. Nur ist es eben auch ein Buch, das man nicht lesen kann, ohne es zu beschädigen. Wer es aufschneidet, macht aus einem seltenen Zustand einen gewöhnlichen. Ich habe Leute gesehen, die eine halbe Stunde mit dem Falzbein in der Hand am Tisch saßen und sich nicht entscheiden konnten.

Und manchmal beweist es etwas. Wenn jemand erzählt, er habe ein Buch gelesen, und die Bogen sind geschlossen, dann hat er es nicht gelesen. Das Buch widerspricht ihm, ohne die Stimme zu heben. Papier ist in dieser Hinsicht unbestechlich: Es hat kein Interesse daran, wie die Geschichte ausgeht.

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Mathieu Vasseur ist die Hauptfigur der Kriminalromane von Benoît Villaret. Provenienz ist erschienen, Widmung folgt am 1. September.