Manchmal entschuldigt sich jemand für ein Buch, bevor er es auf meinen Tisch legt. Da habe leider einer hineingeschrieben, sagt er dann, das mindere den Wert. Für den Preis stimmt das oft. Für alles andere ist die Stelle, für die er sich entschuldigt, meist die interessanteste im Band.
Randnotizen heißen im Fach Marginalien, nach dem lateinischen margo, dem Rand. Sie sind so alt wie der Rand selbst, und sie waren lange kein Vergehen, sondern die übliche Art, ein Buch zu benutzen. Wer im sechzehnten Jahrhundert las, las mit der Feder in der Hand.
Das häufigste Zeichen, das dabei entstand, war eine kleine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger: die manicula, das Händchen. Der Buchhistoriker William Sherman hat dafür Tausende früher Drucke durchgesehen; zwischen dem dreizehnten und dem achtzehnten Jahrhundert findet man sie überall. Manche Leser gaben ihrem Händchen eine Manschette, andere zogen den Zeigefinger in die Länge, bis er quer über den halben Rand reichte und keinen Zweifel ließ, welche Zeile gemeint war. Was daran wichtig sein sollte, verrät der Finger allerdings nie. Er zeigt nur hin.
Gesprächiger sind die Leser, die schreiben. Zwei Wörter am Rand sagen, ob einer zugestimmt oder geflucht hat. Ein Datum sagt, wann er an der Stelle saß. Eine Zahl neben einem Absatz verweist auf ein anderes Buch, das an diesem Nachmittag neben ihm auf dem Tisch gelegen haben muss. Und wo die Notizen aufhören, hat das Lesen aufgehört; auch das kann man auf die Seite genau bestimmen.
Für den Handel ist die Sache einfach und ungerecht. Anmerkungen von unbekannter Hand drücken den Preis, weil Sammler saubere Exemplare wollen. Trägt dieselbe Hand einen Namen, dreht sich das Vorzeichen um: Ein Band, den ein bekannter Gelehrter vollgeschrieben hat, ist plötzlich teurer als der unberührte daneben. Es ist dieselbe Tinte. Bezahlt wird nicht der Zustand, sondern der Nachweis, wer dort gesessen hat.
Wieder loswerden lässt sich das alles schlechter, als man annimmt. Im Handel wird radiert, bevor ein Band ins Regal kommt — die Bleistiftpreise in der oberen Ecke zuerst, dann die Notizen. Das Papier behält davon zweierlei. Die Faser bleibt aufgeraut und streut das Licht anders als die Fläche daneben, ein mattes Feld, das man von der Seite her sieht. Und die Spitze hat beim Schreiben eine Rille hineingedrückt, je härter der Stift, desto tiefer, und an die kommt kein Radiergummi heran. Man dreht den Band, bis die Lampe flach über die Seite streift, und liest die Zahl, die seit zwanzig Minuten nicht mehr da ist.
Was am Rand steht, ist für niemanden geschrieben. Wer einen Brief aufsetzt, weiß, dass er gelesen wird, und wählt danach seine Worte. Wer am Rand notiert, rechnet mit keinem Leser außer sich selbst — und vergisst nach ein paar Jahren, dass er es getan hat. Eine Unterschrift kann man bestreiten. An die eigenen Randnotizen denkt niemand, wenn er sich eine Geschichte zurechtlegt.
Mathieu Vasseur betreibt die Librairie du Temps Perdu in der Rue Vieille-du-Temple. Er ist die Hauptfigur der Kriminalromane von Benoît Villaret; „Provenienz" und „Widmung" sind erschienen, Band 3, „Holzschliff", folgt Ende November.




















