TATORT Stau

Regisseur und Drehbuchautor Dietrich Brüggemann (Mitte) stellte auf der Parkinsel seinen TATORT Stau vor. Links: Redakteurin Franziska Specht, rechts: Moderator Rüdiger Suchsland. Foto: © Jürgen Schmid, Kriminetz

Woran denkt man als erstes, wenn der Name Stuttgart fällt? An die Käpsele? An Wein? Vermutlich denken alle zunächst an den Stau, durch den man sich auf der Autobahn bereits in Richtung Stuttgart schiebt und der einen dann durch die Stadt zäh wie ausgeleierter Kaugummi begleitet. Regisseur Dietrich Brüggemann, der gemeinsam mit Daniel Bickermann auch das Drehbuch schrieb, stellt einen TATORT vor, der hauptsächlich in einem Stau auf der Weinsteige spielt und so heißt er denn auch Stau. Ein weiteres Bild zeigt eine Straße, an der eine tote Vierzehnjährige liegt sowie eine Wohnung, aus der heraus ein Dreijähriger den Unfall beobachtet hat. Als die Psychologin endlich eintrifft, um den Zeugen zu befragen, sagt ihr der Kommissar: „Der Zeuge wird gerade ins Bett gebracht.“

Alle stecken in irgendeinem Stau fest, alle eilen gehetzt durch ihr Leben. Niemand scheint ein Zuhause zu haben, zumindest wird es nicht gezeigt in diesem TATORT. Das Leben spielt sich im Abhetzen und paradoxerweise im erzwungenen Stillstand ab. Der Kommissar hat überlegt, dass der Unfallfahrer in dem Stau auf der Weinsteige stehen muss. Wegen eines Wasserrohrbruches wurde die nämlich gesperrt. Also eilen sie selbst dort hin, die Kommissare Lannert und Bootz und fordern Verstärkung von den Uniformierten an. Nun werden nach und nach alle Autos angeschaut, die Insassen befragt.

Es sind die kleinen erzählten Geschichten, die sich in dem geschlossenen Raum „Stau“ ereignen, die zusammengefügt werden zu einem großen Ganzen und die den Film so spannend machen. Der Reihe nach werden sie alle verdächtigt. Immer, wenn man sich gewiss ist, nunmehr den Täter oder die Täterin erahnt zu haben, kommt ein neues Angebot. Genervt sind sie ziemlich, einige treffen sich in einem Kleinbus. Einzig die Vorstandsdame nützt im Fond ihres Dienstwagens den Stau zum arbeitsmäßigen telefonieren. Für sie spielt der Ort keine Rolle, sie ist immer „on“. Solange sie einen Untergeordneten hat, an dem sie ihre Launen auslassen kann und ihr Smartphone funktioniert ist ihre Welt nicht allzu sehr aus dem Lot gebracht. Eine Frau streitet mit ihrem Mann, eine Mutter hat eine unsägliche Nervensäge von Kind, das sie vom Rücksitz aus befehligt.

Die Reduzierung der Orte, an denen der Film spielt, zieht eine ungeheure Verdichtung der Handlung nach sich. An der Weinsteige sind alle eingekesselt, keiner kann weg. Zumindest nicht ohne das Auto. Und wer will das schon stehen lassen? Es sind meist teure Wägen, die im Stau stehen. SUVs dürfen natürlich auf asphaltierten Großstadtstraßen nicht fehlen, der Allradantrieb kurbelt das Ego an. Im Auto hört jeder eine andere Musik, die zu seinem Innenleben passt, jeder lebt in seinem eigenen kleinen Kosmos inmitten der anderen und doch für sich.

Ein kleiner Hund wurde überfahren. Dem Fahrer war er es nicht einmal wert, anzuhalten. Gleich einer Kettenreaktion löste das Verschwinden des Tieres etwas Unheilvolles aus, das sich unaufhaltsam ausbreitet, so wie ein Tropfen auf der gegenüberliegenden Seite des Atlantiks in einer Welle ausartet, die er angestoßen hat.

Die Ermittlungen kratzen an Lebensgebilden, manch einer ist ein anderer, wenn er aus dem Stau herausfährt, als er beim Hineinfahren war. Der Stau schon beinahe als Katharsis, als Läuterung in einem heillos überfordernden Alltag, in dem man ständig auf Hochtouren zu laufen hat.

Immer und immer wieder betet der Kommissar die Belehrung herunter „Gegen Sie besteht ein Anfangsverdacht auf fahrlässiger Tötung …“ So oft, bis es die ZuschauerInnen selbst beinahe auswendig hersagen können. Am Ende drehen sie dann noch auf, die Staugepeinigten, sehen nicht ein, dass sie noch länger warten sollen. Details der Ermittlungen sickern durch. Die Volksseele kocht.

Im sich an den Film anschließenden Publikumsgespräch stellte sich Regisseur und Drehbuchautor Dietrich Brüggemann zusammen mit der Produzentin Franziska Specht den Fragen von Rüdiger Suchsland, der im Film eine Verbindung zwischen Humor und ernsten Themen sah. Dietrich Brüggemann hat selbst eine Weile in Stuttgart gelebt und kennt die Verkehrssituation aus eigener Erfahrung. Stau sei das erste, was ihm selbst zu der Stadt einfalle. Die Staus lägen an der Zersiedelung der Gegend und an der Kessellage. Es sei zu wenig Platz für Straßen. Dietrich Brüggemann versucht, seine Filme so zu machen, wie er selbst gerne welche sieht.

Dann plaudert er aus dem Nähkästchen. Es war nicht möglich, an der Weinsteige selbst zu drehen, so wurde in einer großen Halle in Freiburg einhundert Meter Straße mit dreißig Autos nachgebaut und mit visuellen Effekten gearbeitet. Das Sub-Thema des Films sei, das alle unfassbar gehetzt sind. Er erzählt noch von der Schwierigkeit, einen schwäbisch sprechenden älteren Schauspieler zu buchen. So kamen sie auf Rüdiger Vogler, der seit vierzig Jahren in Paris lebt. Weitere Darsteller sind neben dem Team Richy Müller und Felix Klare Julia Heinemann, Eckhard Greiner, Roland Bonjour, Amelie Kiefer, Deniz Ekinci u.a. Regisseur Dietrich Brüggemann hat hauptsächlich mit Personen besetzt, die im Fernsehen nicht so präsent sind. Er zeichnet auch für die Filmmusik verantwortlich. Ton: Peter Tielker, Kamera: Andreas Schäfauer, Schnitt: Sabine Garscha. Der TATORT Stau ist eine Produktion des SWR.

Ein Film, der mir sehr gut gefiel und den ich bei der Ausstrahlung im Fernsehen unbedingt nochmals ansehen will!

Das erlebt man nur beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen: Während ich den TATORT anschaue, sitzt ein Fernseh-Redakteur direkt vor und neben mir eine Cutterin. Als ich später an einem der Tische auf der Rheinwiese vor dem Zelt sitze, in dem die Filmgespräche stattfinden, sagt am Nebentisch ein Mann zum anderen: „Ist das Leben nicht schön? Prost.“

Kriminetz hatte die Möglichkeit, dem Regisseur sieben Fragen zu stellen. Sie sind hier zu lesen.

Der TATORT Stau ist beim Festival des deutschen Films erneut zu sehen am Sonntag, 10. September, 17 h und am Montag, 11. September 2017, 15.00 h

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Erstausstrahlung von "Stau" in der ARD: Sonntag, 10.9.2017, 20.15 Uhr

Drehbuchautor, Regisseur und Musiker Dietrich Brüggemann. Foto © Jürgen Schmid, Kriminetz